Ideologie und Klimawandel oder: Wie man Journalisten mundtot macht

                                                                                                                                                                                                                      English Version

Eine freie Journalistin wird zur Zielscheibe des renommierten Klimaforschers Stefan Rahmstorf, der im Kampf um die vermeintliche Wahrheit auch vor persönlichen Diffamierungen nicht halt macht.

  Im Namen des Volkes erging am 9. Februar dieses Jahres ein Urteil, das es in sich hat: Der Beklagte wird von der 28. Zivilkammer des Landgerichts Köln verurteilt „es (...) zu unterlassen, den Eindruck zu erwecken,
   a) die Klägerin habe vom Blogger Richard North und vom Journalisten Jonathan Leake abgeschrieben;
   b) die Klägerin habe dem Beklagten durch die Redaktion der Frankfurter Rundschau die Bitte ausrichten lassen, er solle den Namen der Klägerin aus dem Blogbeitrag des Beklagten ‚FR zieht Artikel gegen den Klimarat zurück’ entfernen und nur die Frankfurter Rundschau nennen.“
     Im Übrigen muss der Beklagte der Klägerin 511,58 Euro nebst Zinsen zahlen und zwei Drittel der Kosten des Rechtsstreites übernehmen. Zur Begründung stellt die Kammer fest, dass es sich um unwahre Tatsachenbehauptungen handele, die die Klägerin in ihrem Persönlichkeitsrecht verletzen, „da die objektive Falschdarstellung nicht als wertneutral einzustufen ist“.

Pikant ist dieses Urteil ganz besonders deshalb, weil es sich bei dem Beklagten um den Klimaforscher Stefan Rahmstorf handelt, der in seinem Blog (http://www.scilogs.de/wblogs/blog/klimalounge) immer wieder falsche Darstellungen in der Berichterstattung scharf kritisiert. Mindestens in diesem Fall, in dem er einen Artikel in der Frankfurter Rundschau vom 8. Februar 2010 aufs Korn nimmt, scheint er jene Regeln nicht zu beherzigen, die zu befolgen er Journalisten immer wieder nahelegt: die Aneignung von Expertise in der Sache und eine korrekte Wiedergabe von Fakten.

Der Artikel, um den es geht

     Er erscheint am Montag, dem 8. Februar 2010, im Kölner Stadt-Anzeiger (KStA) und in gekürzter Form auch in der Frankfurter Rundschau (FR). Der Artikel in der FR trägt die Überschrift: „Neue Fehler beim Klimarat: IPCC macht aus Nordafrika ganz Afrika“. Im KStA heißt es: „Von Dürren, die es gar nicht gibt; Neue Vorwürfe erschüttern den Weltklimarat – schwere Hungersnöte in Afrika ab 2020 nicht belegt“.

     Autorin ist die Kölner Journalistin Irene Meichsner, die als feste Freie unter anderem für den KStA schreibt.
     Der Bericht lässt sich grob in vier Teile gliedern:

     1. Ein verhältnismäßig stark wertender Vorspann, der Interesse wecken soll.

     Im ersten Satz wird Rajendra Pachauri, amtierender Chef des IPCC, ins Visier genommen, für den es nun eng werde. Zugleich werden die „eklatanten Fehler seiner Organisation“ in Erinnerung gerufen, wobei die Autorin darauf bauen kann, dass sie dem Zeitungsleser zum damaligen Zeitpunkt noch präsent sind. Ausdrücklich erwähnt wird nur der Fehler, wonach die Himalaya- Gletscher bis 2035 größtenteils abgeschmolzen sein könnten. Anschließend wird erklärt, worum es beim neuerlichen Fehler geht. Dieser wird stark wertend als „Skandal“ qualifiziert. Er habe „ein ganz anderes Kaliber“. Denn diesmal sei Pachauri „persönlich involviert“. Der Fehler habe es, anders als in den vorausgegangenen Fällen, bis in den Synthesis Report geschafft, das „Allerheiligste und politisch Relevanteste des IPCC“. Der Sachverhalt wird im Vorgriff wiederum stark wertend mit dem Label „Afrikagate“ belegt.

     2. Der Informationskern des Artikels. Er enthält den eigentlichen Vorwurf. Unter Berufung auf den Synthesis Report des IPCC heißt es:

     Bis zum Jahre 2020, so wird auf Seite 50 prognostiziert, würden in Afrika voraussichtlich (a)* „zwischen 75 und 250 Millionen Menschen“ einer erhöhten Wasserknappheit infolge des Klimawandels ausgesetzt sein. Ebenfalls (b)*„bis 2020 könnten in einigen Ländern die Erträge aus der vom Regen bewässerten Landwirtschaft um bis zu 50 Prozent“ sinken. Es sei davon auszugehen, dass „die landwirtschaftliche Produktion, einschließlich des Zugangs zu Nahrung, in vielen afrikanischen Ländern stark gefährdet“ werde. „Dies würde die Sicherheit der Nahrungsmittelversorgung weiter nachteilig beeinflussen und das Problem der Unterernährung verschärfen.“ Eine wissenschaftlich tragfähige Basis für diese Behauptung bleibt der IPCC-Bericht schuldig. (*Ordnungszeichen finden sich nicht im Artikel, sondern wurden von mir eingefügt)

     Dem Informationskern folgt
     3. die Begründung des fett markierten Vorwurfs unter Hinweis auf eine entsprechende Recherche des Bloggers Richard North und der Tageszeitung Sunday Times.

     Die Autorin stellt die Quelle vor, auf die sich das IPCC in diesem Zusammenhang beruft, und rückt sie in ein wissenschaftlich zweifelhaftes Licht, ohne  den Hinweis an dieser Stelle weiter zu vertiefen – eine von mehreren Schwächen des Artikels:

     „Der IPCC-Bericht stützt sich auf Ali Agoumi, einem Mitarbeiter des marokkanischen Umweltministeriums sowie der Firma ‚EcoSecurities‘, die ihr Geld unter anderem mit dem Handel von Verschmutzungsrechten verdient. Agoumi ist Autor eines Berichts über die ‚Vulnerability of North African Countries to Climatic Changes“, den die internationale Umweltorganisation Institut für nachhaltige Entwicklung (IISD) mit Sitz in Kanada im Jahre 2003 veröffentlichte.“ 
     Es wird dargelegt, dass diese vom IPCC angegebene Quelle die Aussagen im Synthesis Report nur unzureichend deckt:

     „Die (..) von Agoumi genannten Kronzeugen beziehen sich (..) nur auf drei nordafrikanische Länder: Algerien, Marokko und Tunesien – ohne dass daraus konsistente Aussagen über die möglichen Folgen des Klimawandels für den Wasserhaushalt und die Landwirtschaft in Afrika herzuleiten wären.“

     Der vierte und längste Teil des Artikels dient der Einordnung des Sachverhaltes und gleichzeitig der Rechtfertigung der im Vorspann enthaltenen Wertungen. Der Vorwurf wird mit Zitaten von Klimaexperten unterfüttert. Nachgezeichnet wird, wo und von wem die von mir mit (b) gekennzeichnete Botschaft verwendet worden ist (Pachauri, Ban Ki-Moon). Auch in eine Rede von Pachauri vor hochrangigen Politikern, darunter der US-amerikanische Präsident, sei sie eingeflossen. Es entsteht der Eindruck, das IPCC würde mindestens ein übertriebenes Bild der Bedrohungslage in Afrika zeichnen. Als politisch relevante Quintessenz des Artikels erscheint die Bewertung, dass die Glaubwürdigkeit des IPCC und seines Chefs (..) schwer angeschlagen“ sei.

Die Kritik von Stefan Rahmstorf

     Der Potsdamer Klimaforscher nimmt in zwei Blogeinträgen sowie in einem später von ihm publizierten Brief an die Redaktion der FR (25. März 2010) zu den im Artikel enthaltenen Vorwürfen Stellung. Der erste Eintrag vom 20. Februar 2010 („Fehler im IPCC-Bericht?“) bezieht sich allerdings noch nicht auf den Text in der FR bzw. dem KStA, sondern nur auf den Blog von Richard North und den zeitgleich erschienenen Artikel in der Sunday Times, von  denen die Kernvorwürfe, die Irene Meichsner in ihrem Artikel erhebt, ursprünglich stammen. Erst der zweite, mehrfach um „Updates“ ergänzte Eintrag  vom 26. April 2010 („FR zieht Artikel gegen Klimarat zurück“) setzt sich dann konkret mit dem Artikel in der FR und der Autorin auseinander (http://www.scilogs.de/wblogs/blog/klimalounge/mediencheck/2010-04-26/frankfurter-rundschau-klimarat-ipcc-africagate).

     Die in diesem Zusammenhang besonders relevanten Äußerungen von Rahmstorf lassen sich am besten in drei Kategorien einteilen:

     1. Einwände gegen die im Artikel aus der FR bzw. in der Überschrift erhobenen Vorwürfe gegen das IPCC. Die Einwände beziehen sich erstens auf die dort aufgestellten Tatsachenbehauptungen und darauf aufbauend zweitens auf die Deutungen des Sachverhaltes.
     2. Deutungen, die sich auf die gesamte damalige Berichterstattung über die vermeintlichen oder tatsächlichen Fehler im IPCC-Bericht beziehen.
     3. Wertungen über die Autorin des Artikels in der FR.

1. Einwände

     A) Rahmstorf kritisiert, dass die Überschrift des FR-Artikels falsch sei. Nirgendwo mache das IPCC aus Nordafrika ganz Afrika.
     B) Rahmstorf weist den Vorwurf zurück, die oben mit a) und b) gekennzeichneten Äußerungen des IPCC entbehrten einer wissenschaftlich tragfähigen Basis. Das IPCC habe „völlig korrekt die wissenschaftliche Fachliteratur ausgewertet und beschrieben“. Im Hinblick auf die Äußerung a) fügt er in seiner Replik auf die FR einen Link auf die Quelle hinzu. Es handelt sich eindeutig um wissenschaftliche Fachliteratur (Arnell 2004). Bezogen auf die Aussage b) bleibt die Frage des wissenschaftlichen Status offen. Im Blog vom 20. Februar 2010 spricht Rahmstorf hinsichtlich des Berichts von Agoumi selber von grauer Literatur. Er räumt dort ein, „dass diese Ergebnisse für den kurzen Synthesebericht zu stark eingedampft wurden, so dass Nuancen und Relativierungen verlorengingen“, weswegen man „das IPCC hier kritisieren“ könne. Rahmstorf betont: „Die Agoumie-Referenz ist zutreffend und auch korrekt angegeben. Trotzdem skandalisiert die Sunday Times (und auch die FR Anm. d.Verf.) (...) die Frage als Afrikagate – hauptsächlich weil die Studie von Agoumi nicht durch den Peer Review gegangen ist ...“
     C) Rahmstorf bewertet die Vorwürfe in der FR als „frei erfunden“ (26. April. 2010).
     D) Rahmstorf versucht, den Vorwurf zu entkräften, das IPCC würde die Bedrohungslage in Afrika übertreiben. Dazu zitiert er im Blog vom 20. Februar 2010 Textpassagen, die sich direkt an die Stelle im IPCC-Bericht anschließen, wo von den bis zu 50% Ertragseinbußen die Rede ist. Die Stellen dokumentieren, dass im IPCC Bericht auch positive Effekte des Klimawandels auf Afrika Erwähnung gefunden haben, was für Rahmstorf „nach einer ausgewogenen Bewertung von Risiken und Chancen (klingt), basierend auf den zu jener Zeit verfügbaren Erkenntnissen“. Die Passagen stehen aber nicht im Synthesis Report, sondern sind Band II des IPCC Berichtes entnommen. Diesen Unterschied macht Rahmstorf an dieser Stelle auch deutlich.

2. Deutungen

     Rahmstorf deutet die Berichterstattung über tatsächliche oder vermeintliche Fehler im IPCC Report zusammengenommen als einen Medienskandal, „in dem einige Journalisten die Öffentlichkeit mit völlig übertriebenen oder ganz erfundenen Pseudo-Skandalen irregeführt haben. Viel zu viele sind ihnen dabei naiv und willig gefolgt, ohne die Farce zu durchschauen.“ (20.2.2010.) Diese Berichte „haben die öffentliche Meinung (nach diversen Umfrageergebnissen) erheblich beeinflusst und Zweifel an der Wissenschaft gesät. Und dabei geht es (...) um ein Thema, das für die Zukunft der Menschheit von zentraler Bedeutung ist.“ (26.4.2010.) Der Artikel in der FR repräsentiert für Rahmstorf ein Beispiel dafür, dass eine Journalistin dem kritiklos folge, was einzelne „Klimaskeptiker“ wie Richard North oder Jonathan Leake in die Welt setzten.

3. Wertungen über die Autorin

     In diesem Einzelfall sind die Vorhaltungen, die Rahmstorf der Autorin des FR Artikels macht, recht scharf formuliert. Sie sind prinzipiell geeignet, Zweifel an der Seriosität der Journalistin zu wecken. Er hält ihr vor, von North und Leake „kritiklos abgeschrieben“ zu haben. Außerdem unterstellt er, sie hätte den IPCC Report, über den sie berichtet, nicht gelesen. Endlich suggeriert er, dass die Journalistin nicht zu dem stehe, was sie selbst geschrieben habe, indem er – was das Kölner Landgericht später als unwahre Tatsachenbehauptung einstufen wird – behauptet: „Frau Meichsner hat mir derweil via FR Redaktion die Bitte ausrichten lassen, ich solle ihren Namen aus meinem obigen Blogbeitrag entfernen und nur die FR nennen. Sorry – ich stehe auch mit meinem Namen für die Qualität meiner Artikel ein.“

Die Reaktion der Frankfurter Rundschau auf die Kritik Rahmstorfs

    Am 30. April 2010 veröffentlicht die FR eine Doppelseite (S. 14/15), in der sie sich Vorwürfen widmet, die zuvor gegen das IPCC vorgebracht wurden. Es geht um die Himalaya-Gletscher, den Vorwurf, das IPCC stütze sich bei seiner Prognose zu möglichen Folgen des Klimawandels auf den Amazonas Regenwald lediglich auf die Arbeit grüner Umweltaktivisten, den Vorwurf der Datenmanipulation (Climategate) durch die Climatic Research Unit der Universität East Anglia sowie auf den Vorwurf der unzulässigen Verallgemeinerung bezogen auf Folgen für Afrika. Dass die FR sich auf einer Doppelseite mit recht großer Geste von dem Artikel distanzieren will, erfährt die Autorin Irene Meichsner über einen Dritten erst nachdem Rahmstorf den Vorgang in seinem Blog bereits publik gemacht hat und unmittelbar vor deren Erscheinen. In der FR sah sich offenkundig niemand genötigt, Kontakt zur Autorin des Artikels aufzunehmen.



Am 30.April 2010 distanziert sich die Frankfurter Rundschau von ihrem eigenen Artikel.
Sie sieht ihn als Teil einer „Kampagne, die den UN-Klimarat in Verruf bringen sollte“.


     Auf der Doppelseite werden die seinerzeit gegen das IPCC insgesamt erhobenen Vorwürfe als eine „Kampagne“ von Skeptikern gedeutet, „die den UNKlimarat in Verruf bringen sollte“. Sie werden entweder als unbegründet dargestellt, oder ihre Bedeutung wird stark relativiert.

     Was speziell den Vorwurf der Verallgemeinerung in Sachen Afrika angeht, räumt die FR selber ein, dass er nur in der Überschrift und nicht im Artikel enthalten gewesen sei. Nach einer knappen Beschreibung von „Vorwurf“, „Grundlage“ und „Substanz“ des im Artikel von Irene Meichsner geschilderten Sachverhaltes schreibt die FR unter „Moral: Die FR hat den Artikel in ihrer Online-Ausgabe gelöscht“.

Dieser Einzelfall verdient besondere Aufmerksamkeit

     Dieser Einzelfall verdient zunächst deshalb ganz besondere Aufmerksamkeit, weil sich eine freie Journalistin erfolgreich gegen die Häme zur Wehr
gesetzt hat, die ein renommierter Wissenschaftler über sie ausgeschüttet hat. Er kann dazu animieren, sich in Auseinandersetzungen über die Qualität der eigenen Arbeit nicht alles bieten zu lassen, sondern sich zu wehren, obwohl das mit großen Anstrengungen verbunden ist.

     Er verdient auch deshalb Aufmerksamkeit, weil der Potsdamer Klimaforscher Rahmstorf nicht der einzige Wissenschaftler ist, der sich über Fehler oder Verzerrungen in der Berichterstattung beklagt. Möglicherweise ist er jemand, der das besonders lautstark tut. Die Auffassung, man könne der Medienberichterstattung über Wissenschaft lediglich mit einer wahr-falsch Kategorie in der Rolle des wissenschaftlichen Experten zu Leibe rücken, dürfte weithin zustimmungsfähig sein. Dass sich Wissenschaftler dabei aber auf ein schwieriges Terrain begeben, was Risiken für die eigene Glaubwürdigkeit birgt, kann mit Hilfe dieses Einzelfalles illustriert werden.

     Er verdient auch deshalb Beachtung, weil er als Lehrstück taugt, wie Massenmedien mit ihren eigenen Produkten besser nicht umgehen sollten. Er kann so etwas wie eine Warnung sein, wovor man sich in Zeiten des Crossmedialen und Intermedialen Publishing hüten sollte, wenn man nicht zur  gesichtslosen „Content-Schleuder“ verkommen will.

     Endlich ist er deshalb hoch interessant, weil er Einblick gewährt in die intellektuelle Verführung, verschiedene Vereinfachungen komplexer Zusammenhänge durch den mehr oder weniger expliziten Bezug auf eine Wahrheit aufzuladen, was zwangsläufig einhergeht mit einer Aufspaltung in richtig und falsch, gut und böse, Freund und Feind. Der Historiker Karl Dietrich Bracher hat in seiner „Geschichte des politischen Denkens“ solch einen Vorgang als das „Wesen des Ideologisierungsgeschehens in der Gesellschaft“ bezeichnet, das auf ein Orientierungsbedürfnis mit vermeintlich wahren Einsichten antwortet. Diese Ideologisierung ist ohne jeden Zweifel gefährlich für die Klimaberichterstattung, weil sie letztlich ein Orientierungsbedürfnis nicht stillt, sondern Desorientierung verursacht. Auch dies lässt sich an diesem Einzelfall illustrieren und mag es rechtfertigen, sich ihm ausführlicher zuzuwenden, als es im öffentlichen Diskurs gemeinhin üblich ist. Beginnen sollte man mit den mit (a) und (b) gekennzeichneten Äußerungen im Artikel und der Frage, ob sie durch die vom IPCC zitierte Literatur tatsächlich gedeckt sind, ob der Synthese-Bericht sich in dieser  Hinsicht also – unabhängig davon, ob es sich um ein peer reviewed Paper oder um graue Literatur handelt – auf eine „wissenschaftlich tragfähige  Basis“ stützt, wie Rahmstorf suggeriert. Der Artikel in der FR bzw. im KStA geht dieser Frage nicht ausführlich nach.

     (a) Bis zum Jahre 2020 werden in Afrika voraussichtlich „zwischen 75 und 250 Millionen Menschen“ einer erhöhten Wasserknappheit infolge des Klimawandels ausgesetzt sein.

     Als Quelle für diese Aussage wird im IPCC Bericht das peer reviewed Paper von Arnell (2004) genannt. Darauf weist auch Rahmstorf hin. Es handelt sich um eine Studie, die – gestützt auf Computersimulationen – die Entwicklung der Wasserversorgung der gesamten Erdbevölkerung prognostiziert. Grundlage dieser Simulationen sind mehrere Modelle der globalen Populationsentwicklung und mehrere Modelle der Klimaentwicklung. Entsprechend ergeben sich häufig weite Spannen zwischen einem worst case scenario und einem best case scenario. In drei Tabellen werden die Globaldaten auf  die Weltregionen heruntergebrochen, darunter auch Afrika. Die Studie weist für Afrika aus, dass bis 2025 zwischen minus 23 und plus 200 Millionen Menschen von erhöhter Wasserknappheit infolge des Klimawandels betroffen sein könnten. Mit anderen Worten: Im günstigsten Fall könnten  verglichen mit 1995 im Jahre 2025 23 Millionen Afrikaner weniger in wasserarmen Regionen leben. Im ungünstigsten Fall könnten es 200 Millionen Afrikaner mehr sein. Woher die im IPCC Synthesis Report enthaltene Angabe „75–250 Millionen Menschen“ stammt, ist unklar. Sie findet sich in dieser Form jedenfalls nicht in der angegebenen Referenzstudie. Lediglich in Tabelle 7 der Arbeit, in der die Zahl von Afrikanern prognostiziert wird, die „in the absence of climate change“ von Wassermangel betroffen sein könnten, reicht die Spanne im ungünstigsten Fall bis 250 Millionen Menschen. In dieser Tabelle ist die Zahl aber auch im günstigsten Fall weit höher als 75 Millionen.

     Daraus ergibt sich, dass der im Artikel erhobene Vorwurf, der Synthesis-Report des IPCC bleibe eine wissenschaftlich tragfähige Basis für seine Behauptung schuldig, durchaus auf diese Botschaft angewendet werden kann. Gleichzeitig bedeutet das, dass der von Rahmstorf erweckte Eindruck in seinem Blog (26. April 2010) unzutreffend ist, wonach diese Angabe durch die genannte Studie gedeckt sei. Rahmstorf verlinkt zwar auf die Studie, sehr wahrscheinlich hat er die Studie selbst aber nicht mit der nötigen Sorgfalt geprüft, andernfalls hätten ihm die Ungereimtheiten auffallen müssen.

    (b) „Bis 2020 könnten in einigen Ländern (Afrikas Anm.d.Verf.) die Erträge aus der vom Regen bewässerten Landwirtschaft um bis zu 50 Prozent sinken“.

     Basis dieser Prognose ist der Bericht des Marrokaners Ali Agoumi, der sich auf Marokko, Algerien und Tunesien bezieht und in einer Reihe eines  kanadischen Instituts für nachhaltige Entwicklung erschienen ist. Es handelt sich um graue Literatur, nicht um ein peer reviewed Paper.
     Aus dem Bericht geht hervor, dass sich in Marokko in trockenen Jahren die Erträge um bis zu 50% reduzieren könnten, in Algerien um bis zu 8 %, über Tunesien steht dazu nichts. Streng genommen hätte es im Synthese-Bericht also zutreffender heißen müssen, dass es in Marokko und in  Algerien bis 2020 in trockenen Jahren zu Ertragseinbußen um bis zu 50 % kommen könnte.

     Man wird dem IPCC deswegen nicht vorwerfen können, seine Aussage, wonach die Erträge in „einigen“ afrikanischen Ländern zurückgehen könnten, werde durch die von ihm zitierte Literatur nicht gestützt. Mindestens wird man aber erstens sagen können, dass die Botschaft im IPCC Bericht übertrieben wirkt. Zweitens, dass die Klassifizierung dieser Botschaft im Synthese Bericht als „high confidence statement“ äußerst fragwürdig scheint. Zwar macht das IPCC aus Nordafrika tatsächlich nicht ganz Afrika, wie es die Redaktion der FR in ihrer Überschrift behauptet, stattdessen macht es aus zwei Ländern Nordafrikas einige Länder ganz Afrikas. Zweifellos ist das ein Unterschied. Wenn man in Rechnung stellt, dass Tageszeitungen nicht die Funktion von Lehrbüchern haben, erscheint der Fehler aber nicht als besonders gravierend, denn die implizite Kernbotschaft der Überschrift, das IPCC würde die Sachlage übertrieben darstellen, lässt sich aus meiner Sicht durchaus auf den Sachverhalt anwenden.

     Dieser Faktenkern ist sorgfältig zu unterscheiden von der Bedeutung, die ihm beigemessen wird. Irene Meichsner bewertet den Sachverhalt in ihrem Artikel als skandalös, deutlich beeinflusst von der um die Jahreswende 2009/2010 herrschenden Aufregung um vermeintliche oder tatsächliche Fehler im IPCC Report. Diese Wertung wie auch die anderen starken Wertungen erscheinen zwar etwas deplaziert in einem nachrichtlichen Bericht. Sie sind aber zweifellos durch die Meinungsfreiheit gedeckt.

     Stefan Rahmstorfs Haltung bezogen auf die Aussage des IPCC, wonach einige Länder Afrikas von Dürre bedroht seien, ist nicht ganz eindeutig. In seinem Blog erweckt er den Eindruck, dass er sie für noch zulässig hält. In einer Diskussion in der Zeitschrift zeo2 im Sommer 2010 unter anderem mit Martin Claußen vom Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg gibt er diesem allerdings Recht: Claußen bewertet die Stelle als „Fehler“ und mahnt die IPCC Autoren dazu, in Zukunft genauer zu formulieren. Dann komme es auch nicht zu einem Aufruhr in den Medien.

     Alles in allem wird man also bei der Würdigung des Informationskerns des Artikels sagen dürfen, dass die darin enthaltenen Kernvorwürfe einer kritischen Überprüfung durchaus standhalten. Insbesondere das Urteil Rahmstorfs, die Vorwürfe seien erfunden und sachlich falsch, sind  unbegründet. Auch kann man den von Rahmstorf vermittelten Eindruck nicht nachvollziehen, die Belege für die vom IPCC im Synthesis Report zitierten Passagen seien völlig ausreichend und alles in allem auch zutreffend wiedergegeben.

     Zutreffend erscheint lediglich die Kritik an der Überschrift des Artikels in der FR, die aber nicht von Irene Meichsner stammt. Diese Überschrift stimmt so nicht. Trotzdem verwundert es, dass die FR sich öffentlich von ihrem eigenen Artikel auf so demonstrative Weise distanziert. Eine knappe Korrektur hätte es in diesem Fall sicherlich getan. Nach Lage der Dinge entsteht der begründete Eindruck, hier distanziere sich eine Tageszeitung auf Zuruf eines renommierten Wissenschaftlers mit recht großer Geste von einem meinungshaltigen Bericht, ohne die vom Wissenschaftler vorgebrachten inhaltlichen Einwände gegen diesen Artikel sorgfältig zu überprüfen. Die Redaktion erweckt ihren Lesern gegenüber den Eindruck, sie bewerte diesen Artikel als falsch, weil die Fakten nicht stimmen. Damit macht sie nach dem Fehler in der Überschrift einen zweiten, aus meiner Sicht weit schwereren: Die Fakten sind nämlich gar nicht das Problem, ihre Deutung ist es. Es ist befremdlich, dass die FR einerlei Anstrengungen erkennen lässt, den Informationskern des von ihr selbst publizierten Artikels gegen eine unzureichend begründete Kritik zu verteidigen.

     Vor diesem Hintergrund erscheint die Häme, die Rahmstorf für die Autorin des Artikels übrig hat, als eine persönliche Diffamierung, die in öffentlich
geführten Auseinandersetzungen nichts verloren hat. Auch oder besser gerade dann nicht, wenn es um ein so wichtiges Thema wie den Klimawandel geht. In weiten Teilen ähnelt das Vorgehen Rahmstorfs in diesem Fall dem, wogegen er sich immer so wortgewaltig wendet: Fakten werden so gebürstet, dass sie eine schon feststehende Deutung bestätigen. In diesem Fall geht es nur vordergründig um Fakten, die wahr oder falsch sein können. Es geht um die Bedeutung, die bestimmten Fakten in der Berichterstattung über den Klimawandel eingeräumt werden. Diese Deutungen
sind nicht sakrosankt. Niemand kann oder will Stefan Rahmstorf oder anderen Klimaforschern das Recht bestreiten, aus ihrer Sicht unangemessene Deutungen zu kritisieren und ihnen andere entgegenzustellen. Wer aber wie Rahmstorf zwischen Fakten und ihren Deutungen nicht sorgfältig unterscheidet und auf beides das unidimensionale Kriterium von richtig oder falsch anwendet, der betritt die Sphäre des öffentlichen  Meinungskampfes. Er tarnt sich als wissenschaftlicher Experte, obwohl er tatsächlich politischer Agitator ist. Er kämpft nicht gegen falsche Tatsachenbehauptungen, sondern gegen missliebige Deutungen, und zwar in diesem Fall auch mit unlauteren Mitteln, wie das Kölner Urteil dokumentiert. Dass Rahmstorf bestimmte Passagen in seinem Blog vom 26. April 2010 inzwischen geändert bzw. ganz entfernt hat, dies dem Leser aber nicht kenntlich macht, passt ins Bild.

     Die Moral von der Geschichte ist nicht sehr ermutigend. Denn Rahmstorf war ziemlich erfolgreich. Der Vorstoß, mit dem er erreichte, dass der Artikel von der FR zurückgezogen wurde, hat es auf die Seite 1 der New York Times gebracht, was Rahmstorf den Lesern seines Blogs am 25. Mai auch mit erkennbarem Stolz mitteilt. Seine Initiative steht in der New York Times für einen von mehreren erfolgreichen Versuchen von Klimaforschern, grob verzerrende oder falsche Berichte öffentlich zu korrigieren. Das mag in manchen Fällen gerechtfertigt sein.
     In diesem Einzelfall ist es nichts weniger als eine Demonstration, wie man missliebige Deutungen mit Hilfe eines autoritären Wahrheitsbegriffs und mit Hilfe einer nur auf Einzelfälle begründeten und insofern empirielosen Medienverschwörungstheorie zu unterdrücken versucht.

Irene Meichsner – in ihrem juristischen Kampf um die eigene Reputation auf sich allein gestellt – hat vorerst jedenfalls genug vom Klima. Sie schreibt nicht mehr über das Thema.





Markus Lehmkuhl

ist Projektleiter
an der FU Berlin,
Arbeitsstelle
Wissenschaftsjournalismus,
und leitet die
WPK-Quarterly
Redaktion


Anmerkungen des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung

Anmerkungen der Quarterly-Redaktion und Stellungnahme von Markus Lehmkuhl zu der sachlichen Kritik des PIK

Weitere Links:

Spiegel Online: Eklat um Klimaberater der Bundesregierung

Wissenschaft kommuniziert: Krieg um die Wahrheit - schlecht fürs Klima

Vielfalter-Blog: Das Medienecho zu Dürrekrisen in Afrika

Klimazwiebel-Blog: Im Namen des Volkes