Das britische Science Media Centre (SMC) und was wir davon lernen können

Mit einer viermonatigen „Explorationsphase“ wollte die WPK herausfinden, ob die Gründung eines Science Media Center (SMC) nach britischem Vorbild in Deutschland sinnvoll und machbar ist. Das Projekt wurde von der Robert Bosch Stiftung gefördert, im März haben wir die Ergebnisse der Stiftung in Stuttgart vorgestellt. Für das Quarterly beschreiben Holger Hettwer, Simone Rödder und Franco Zotta ihre Sicht auf das britische SMC – und was sich daraus für die Situation in Deutschland ableiten lässt.

von Holger Hettwer, Simone Rödder und Franco Zotta

Vor zehn Jahren ist das britische „Science Media Centre“ (SMC-UK) als weltweit erstes SMC gegründet worden. Wie arbeitet das SMC in London, wie ist es organisatorisch und finanziell aufgestellt und was lässt sich aus seiner Entstehungsgeschichte und seinem gegenwärtigen Standing lernen? Für unsere Analyse haben wir neben Dokumenten- und Literatur-Recherchen Interviews mit Protagonisten, Beobachtern und Kritikern geführt.

Neben Ansatz, Ausrichtung und Angeboten des britischen SMC standen seine spezielle Funktion an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Medien sowie seine Reputation nach zehn Jahren Bestandszeit auf unserer Agenda. Insbesondere interessierte uns der Impact des SMC-UK auf den Wissenschaftsjournalismus – und welche Erkenntnisse sich daraus für die mögliche Implementierung und das Selbstverständnis eines deutschen SMC ableiten lassen: Hat das britische SMC auch Modellcharakter für die Situation in Deutschland – oder gibt es Gründe, das UK-Modell in Deutschland nicht zu kopieren?

Das SMC-UK in London

2002 mit drei Mitarbeitern gestartet, arbeitet das SMC im Jubiläumsjahr 2012 mit neun Vollzeitkräften. Das aktuelle Jahresbudget beläuft sich auf 617.000 € (£ 530.000). Außer dem Wellcome Trust, in dessen Räumen das SMC auch beheimatet ist und der 30% des Jahresbudgets finanziert, darf kein Sponsor mehr als 5% des Jahresbudgets beitragen. Diese finanzielle Deckelung soll die operative Unabhängigkeit von einzelnen Sponsoren garantieren. Auf seiner Website weist das SMC-UK insgesamt 97 Finanziers aus (www.sciencemediacentre.org/about-us/funding).

Das erklärte Ziel des SMC in UK ist, die Öffentlichkeit mit evidenzbasierten Informationen vor irreführender Berichterstattung zu schützen. Es will der Wissenschaft als „press office for science“ eine Stimme geben, wenn Wissenschaftsthemen auf dem Weg in Schlagzeilen sind – und zwar „unashamedly pro-science“ (Baroness Greenfield). Mit seinem Ziel “to get the news right“ orientiert sich das SMC insbesondere an den Schlagzeilen der wichtigsten Newsmedien und adressiert speziell Nachrichten- und Leitmedien-Journalisten mit seinen Angeboten. Die Angebote sind genau auf den Bedarf dieser Journalisten zugeschnitten: rapid reactions bzw. round-ups (Expertenkommentare zu aktuellen Themen innerhalb kürzester Zeit), Pressekonferenzen (news briefings und background briefings), daneben fact sheets und crib sheets („Spickzettel“).

Der Output ist beachtlich: Pro Monat werden 23 rapid reactions publiziert, ca. 8 press briefings organisiert und 42 Medienanfragen beantwortet – was einer Verzehnfachung des Outputs innerhalb von zehn Jahren gleichkommt. (Wobei zeitgleich das Personal von 3 auf 9 Vollzeitkräfte ausgebaut wurde.)


Das Science Media Center in London bringt es mittlerweile auf einen beachtlichen Output.


Damit trifft das SMC auf eine hohe Zustimmung in der scientific community. Wissenschaftler nehmen das SMC als außerordentlich nützlich wahr: „enourmously beneficial mechanism of connecting science with the media“. Es minimiert aus Sicht der Wissenschafter das Risiko, an schlecht informierte Journalisten zu geraten, und erhöht die Chance, das eigene Forschungsthema ‚risikoarm‘ in den Medien darzustellen. Zudem loben sie die höhere Effizienz der durch das SMC vermittelten Medienkontakte.

Kritik am britischen SMC

Die beim SMC registrierten Journalisten werden täglich mit Informationen bedient. Mit dem breit gefächerten Angebot erreicht das SMC praktisch die gesamte relevante Medienlandschaft: Die rapid reactions und press briefings erreichen Journalisten in Qualitäts- und Tabloidpresse, in öffentlich-rechtlichem und privatem TV, in Fachzeitschriften und Agenturen (über letztere auch die Regionalpresse). Das Angebot wird insbesondere von eher unerfahrenen und nicht-spezialisierten Journalisten als hilfreich bewertet, weil es zur Minimierung von Faktenfehlern und Fehleinschätzungen in der Berichterstattung beiträgt. Aus Sicht der Journalisten hat das SMC das Standing von Wissenschaftsthemen in den Nachrichtenmedien verbessert. Überdies habe es die Berichterstattung über Wissenschaft erhöht, „a lot of silly anti-science“ verhindert und zu einem positiven Bild von Wissenschaft in der Öffentlichkeit beigetragen. Offenkundig gelingt es dem SMC-UK auch, Debatten zu aktuellen Ereignissen oder wissenschaftlichen Veröffentlichungen zu versachlichen.

Aber es gibt auch deutliche Kritik am SMC-UK: Beobachter aus Wissenschaft und Journalismus monieren, dass es als “press office for science” eine tendenziell einseitige und wissenschaftsfreundliche Berichterstattung fördere: „The SMC has effectively set the agenda, what you are getting is a very one-sided view.“ Der Output sei eindimensional: Es gehe einseitig um Erfolgsmeldungen aus der Wissenschaft, um neue Forschungsergebnisse. Damit bediene das SMC vor allem den traditionellen Wissenschaftsjournalismus, der sich vor allem für Fortschritte aus der Laborwelt interessiere. Der Fokus liege auf der wissenschaftlichen Mainstream-Meinung, die Auswahl der Experten sei entsprechend verzerrt.

Ein weiterer Kritikpunkt: Die  Finanzierung durch Industrieunternehmen führe zu diversen ‚conflict of interests‘, die nicht transparent gemacht werden: “Bias for GM, for nuclear power, for certain other things. Difficult to say when Monsanto gives you money – that is a conflict of interest that is not declared.” Kritisiert wird auch der elitistische Ansatz: Zu den Briefings seien nur die Redakteure und Korrespondenten der Nachrichtenmedien eingeladen. Insbesondere profilierte Wissenschaftsjournalisten üben Kritik am “spoon-feeding”-Verfahren des SMC: Der Journalismus werde so zum passiven Abnehmer der SMCOutputs.

Trotz dieser Kritikpunkte wird das britische SMC offenbar von der Mehrzahl seiner journalistischen ‚Kunden‘ überwiegend unkritisch genutzt. Dies mag daran liegen, dass ein Teil der Nutzer keine wissenschaftliche Ausbildung aufweist – besonders bei den Nachrichtenagenturen, an deren Output die Regionalpresse hängt. Eine unkritische Nutzung findet sich aber auch bei jenen Journalisten, die dem traditionellen Paradigma des Wissenschaftsjournalismus anhängen, u.a. in den Redaktionen der Qualitätspresse und des öffentlich-rechtlichen TV, und in dem es nicht vorgesehen ist, Wissenschaftler zu kritisieren oder ihre politische Intentionen zu problematisieren: „I am just trying to think what does anti-science mean? It is like anti-life. […] To be anti-that would be quite odd.“

Lessons learned: Was folgt daraus für das Konzept eines möglichen deutschen SMC?

Unser Fazit: Das SMC-UK hat erfolgreich einen Bedarf im Journalismus identifiziert und seinen Output perfekt darauf eingestellt. Damit werden aber keine journalistischen, sondern wissenschaftspolitische und Wissenschafts-PR-Ziele angestrebt und wohl auch erreicht. Aus journalistischer Perspektive ist daher eine grundsätzliche Skepsis gegenüber dem SMC-UK angebracht, die sich nicht primär an einzelnen Angeboten oder Aktivitäten entzündet, sondern die sich daraus ergibt, dass ein neuer Akteur, dessen PR-Wurzeln unverkennbar sind, auf den Plan tritt und zur zentralen Vermittlungsstelle zwischen Wissenschaft und Journalismus wird – man könnte von einem „systemischen Generalverdacht“ sprechen, unter dem das SMC-UK steht. Wenn man darüber nachdenkt, das britische Modell auf Deutschland zu übertragen oder gar zu kopieren, muss man sich bei der Konzeption aus journalistischer Perspektive mehr Gedanken um Funktion und Rollenbild eines SMC machen. Ein tragfähiges Alternativmodell sollte an die erfolgreichen Formate des britischen SMC anknüpfen, aber auf die berechtigten Kritikpunkte reagieren und aus journalismus-praktischer und demokratietheoretischer Perspektive an der Steuerung der journalistischen Themen- und Sprecherselektion ansetzen.

Ein solches SMC sollte sich nicht als „press office for science“, sondern vielmehr als „editorial department for science“ verstehen – um eine vielseitige, kompetente und auch kritische Berichterstattung fördern: Es liefert nicht Vorlagen für „copy & paste“, sondern Fragen, Perspektiven und Aufhänger, kurzum: es recherchiert Material, mit denen Journalisten arbeiten und mit dessen Hilfe sie ihre je eigenen Beiträge produzieren und ihre eigenen  Fragestellungen weiter verfolgen können.

Es wäre also immanentes Ziel eines solchen SMC, die Einordnungs- und Kritikfähigkeit von  (Wissenschafts-)Journalisten zu stärken und sie vor vermeidbaren Fehlurteilen zu schützen. Die Aufgabe wäre also nicht „spoon-feeding“, sondern „brain-feeding“, indem das SMC durch evidenzbasierte Basisrecherchen den Journalisten vor allem jene Zeit „schenkt“, die nötig ist, um ausgehend von diesem Material vertiefende Fragen zu beantworten oder größere Sinnzusammenhänge sichtbar zu machen.

Das SMC-Alternativmodell sollte unterschiedliche Sichtweisen von Experten auf die Dinge präsentieren, etwa im Fall echter inter- oder  transdisziplinärer wissenschaftlicher Kontroversen – im Sinne einer journalistischen Metaredaktion: Die Auswahl von Themen und Sprechern müsste auf der Basis wissenschaftlicher Exzellenzkriterien, aber zugleich mit den Qualitätsroutinen wissenschaftsjournalistischer Beobachtung der Wissenschaften erfolgen. Die dazu notwendigen Kompetenzen der Selektion, Bewertung und Bereitstellung von Expertise wären der Kern eines SMC unter journalistischer Federführung.

Dabei darf nicht ausschließlich die wissenschaftliche Mainstream-Meinung zu einem Thema präsentiert werden – auch „dissenting voices“, d.h. Wissenschaftler mit begründeten abweichenden Ansichten, müssen zu Wort kommen. Die vom SMC angebotene Auswahl an Experten sollte systematisch als umfassender Blick auf das jeweilige Themenfeld angelegt werden.

Dabei darf sich ein ideales SMC nicht darauf beschränken neue Forschungsergebnisse zu referieren, sondern sollte auch Wissenschaft als Prozess thematisieren: „problems with peer review, retractions, misconduct“ wären ebenso Bestandteil der Themenwahl.

Ein SMC sollte „conflicts of interests“ von Experten transparent machen.

Die Materialien des SMC müssen prinzipiell allen Journalisten kostenlos offenstehen, die über Wissenschaft berichten. D.h. auch Online- und Freie Journalisten sollten in der Konzeption berücksichtigt werden.

In der bisherigen Diskussion in Deutschland, etwa bei der WISSENSWERTE 2012, wurde vereinzelt die Sorge artikuliert, dass ein SMC dazu beitragen könnte, den Arbeitsmarkt für Journalisten zu verschlechtern – Stellenabbau, weil man künftig auf das kostenfreie Angebot des SMC zurückgreifen könne. Andere gaben zu bedenken, dass der Markt für Freie Journalisten bedroht werden könnte. Allerdings gibt es in UK bislang keine Belege dafür, dass das SMC solche Effekte nach sich zieht. Auch Agenturjournalisten, die ein SMC als unmittelbare Konkurrenz erleben könnten, sind in UK vehemente Befürworter des SMC, weil sie insbesondere dessen rapid reactions als Entlastung erleben.

Von den Angeboten des britischen SMC ließen sich einige für ein mögliches deutsches SMC übernehmen – etwa die Info-Packages zu topaktuellen Wissenschaftsthemen mit O-Tönen von Experten, Summary Reports und Fact Sheets für Redaktionen und Linklisten mit weiterführenden Informationen. Darüber hinaus sollte das Portfolio aber dahingehend modifiziert werden, dass es stärker den technologischen Möglichkeiten des WWW Rechnung trägt, z.B. in Form von virtuellen Pressekonferenzen/Expertengesprächen inkl. Transkription und Online-Archivierung der zitierfähigen (!) Statements nach Vorbild der NIH.

Wichtigstes internes Instrument wäre eine auf den journalistischen Bedarf zugeschnittene Experten-Datenbank – als (nicht-öffentliche) Quelle, aus der das SMC seine Briefings erstellt und an die Medien sendet. Dort kann das Team fachkompetente Wissenschaftler im jeweiligen Themenfeld recherchieren. Dabei sollte die Eignung der Experten für die jeweiligen Mediengattungen in die Briefings aufgenommen werden – vor allem für Hörfunk und TV.

Weitere Angebote könnten Hintergrundgespräche zu innovativen neuen Wissenschafts-themen oder zu Entwicklungen und Problemstellungen der Wissenschafts-systems und Tools für Journalisten sein – Leitfäden, die bei der Berichterstattung weiter helfen: Wie finde ich rasch einen kompetenten Experten? Wie überprüfe ich die Seriosität eines Wissenschaftlers oder einer Pressemitteilung? Wie erkenne ich die Qualität von Studien und Statistiken? Eine neue Idee wären Follow-Ups, die bei kontroversen Themen gezielt darüber informieren, wenn sich die Kontroversen aufgelöst haben und Klarheit herrscht – als Update mit „lessons learned“, Weiterdreh und neuem Aufhänger.

Wir plädieren also für eine klare Ausrichtung als  SMC unter journalistischer Federführung. Dies wäre unseres Erachtens ein zentraler Unterschied zum Gros der bisherigen Angebote der Wissenschaft, die oft wissenschaftsimmanenten Eigenlogiken folgen. Eine solche Ausrichtung wäre aber auch ein fundamentaler Unterschied zum britischen SMC, dessen Bias als „press office for science“ immer wieder kritisiert wird.

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Hier finden Sie das 15-seitige Summary des Ergebnisberichts zur Explorationsphase (insg. 140 Seiten)

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Simone Rödder

arbeitet in der Arbeitsgruppe Understanding
Science in Interaction am
KlimaCampus der Universität Hamburg.

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Holger Hettwer & Franco Zotta

sind Projektleiter der WISSENSWERTE
im gemeinsamen Projektbüro von TU
Dortmund und WPK. Darüber hinaus
arbeiten sie als Freie Mitarbeiter für
die WPK.

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