Anmerkungen der WPK-Quarterly-Redaktion und Stellungnahme von Markus Lehmkuhl zur sachlichen Kritik des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung

Anmerkungen der WPK-Quarterly Redaktion zur Kritik des Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) zum Text „Unabhängiger Wissenschaftler oder politischer Agitator?“ von Markus Lehmkuhl im WPK Quarterly 2/2011.

 Hintergrund:

 Das wpk-Quarterly ist das Magazin des Berufsverbandes wpk – Die Wissenschaftsjournalisten, das periodisch aktuelles Geschehen im Bereich der Wissenschaftskommunikation aufgreift und analytisch durchdringt. Es versteht sich als ein Medium, das offen ist für einen Dialog über die unterschiedlichen Rollen, die Wissenschaftsjournalisten und Wissenschaftler im öffentlichen Diskurs einnehmen und einnehmen sollten. Entsprechend versammelt es Beiträge, in denen Autoren aus unterschiedlichen Perspektiven Sachverhalte analysieren, einordnen und bewerten. Das Thema Klimawandel war bereits in mehreren Ausgaben Gegenstand von medien- und wissenschaftskritischen Analysen und Reflexionen unterschiedlicher Autoren (3/2009; 2/2007) aus Wissenschaft und Journalismus.

 Es beschäftigt sich in der aktuellen Ausgabe (2/2011) unter anderem mit der Kritik von Stefan Rahmstorf an einem in der Frankfurter Rundschau erschienen Artikel, in dem bezogen auf eine Passage im IPCC Synthese-Bericht behauptet wird, diese gründe auf keiner tragfähigen wissenschaftlichen Basis. Ausgehend auf einer umfassenden Dokumentation des Sachverhaltes, vertritt Markus Lehmkuhl die Auffassung, dass diese Behauptung nicht als falsch bezeichnet werden könne. Er kommt in seiner Analyse zu dem Schluss, Rahmstorf missbrauche seine wissenschaftliche Autorität für den Versuch, eine Journalistin mundtot zu machen. Die Qualität dieser Bewertung steht und fällt mit der Qualität der Argumente, die Markus Lehmkuhl auf seiner Seite hat. Die Stellungnahme des PIK hat Zweifel genährt an der Qualität der Argumentation von Lehmkuhl. Wir geben ihm darum im Folgenden die Gelegenheit, auf die inhaltliche Kritik des PIK zu antworten.

 

Stellungnahme von Markus Lehmkuhl zu der sachlichen Kritik an seinem Artikel im wpk-Quarterly 2/2011.

 Zu einigen mir besonders relevant erscheinenden Einwänden des PIK gegen meinen Beitrag, nehme ich wie folgt Stellung:

 1.   Der Text ist kein „Beispiel dafür, wie manche Journalisten (..) die Macht unterschätzen, die sie mit der Berichterstattung über Wissenschaft faktisch ausüben“. Er ist auch kein Beispiel dafür, „wie manche Journalisten reagieren (...), wenn sie ihre Deutungshoheit durch Wissenschaftler angetastet sehen“. Journalisten haben keine Deutungshoheit beim Thema Klimawandel. Die hat die Wissenschaft inne. Daraus erwächst der Wissenschaft eine besondere Verantwortung bei der öffentlichen Kommunikation über dieses Thema. Dieser Verantwortung wird Stefan Rahmstorf im vorliegenden Fall nicht gerecht. 

 2.   Das PIK kritisiert mangelnde Sorgfalt. Ich hätte Rahmstorf zu Wort kommen lassen müssen, weil ich aus Sicht des PIK schwere Vorwürfe erhebe. Diese Einschätzung teile ich nicht. Die Schilderung des Sachverhalts und dessen Einordnung werden in dem Artikel sauber und für jeden deutlich erkennbar voneinander getrennt. Kommentatoren und Bewertern wird man nicht abverlangen können, diejenigen, die sie in einem Beitrag eventuell kritisieren, vorher um eine Stellungnahme zu bitten.

 3.   Das PIK kritisiert darüber hinaus mangelnde Sorgfalt bei der Recherche des wissenschaftlichen Sachverhaltes. Dass der Aufsatz von Agoumi den Ansprüchen des IPCC-Synthese-Reports und der Summary nicht genügt, wird vom PIK nicht bestritten. Es geht bei der sachlichen Diskussion im Kern um die Frage, ob man die Feststellung, die vom IPCC unter Hinweis auf Arnell (2004) genannte Spanne von 75-250 Millionen Afrikanern entbehre einer tragfähigen wissenschaftlichen Basis, als falsch qualifizieren kann. Nach nochmaliger eingehender Prüfung vertrete ich nachwievor die Auffassung, dass dies nicht überzeugend ist. Allerdings lässt sich diese Einschätzung anders als von mir im Artikel suggeriert, nicht allein darauf begründen, dass diese Spanne in der Referenzstudie in dieser Form nicht angegeben ist, obwohl das zutreffend ist.

Die im IPCC Bericht genannte Spanne von 75-250 Millionen Afrikanern, die infolge des Klimawandels zusätzlichen Dürrerisiken ausgesetzt seien, bezieht sich auf das Ergebnis von einer von 28 Modellrechnungen, in denen in zwei Tabellen die Zahlen der von steigenden Dürrerisiken betroffenen Menschen den Zahlen von Menschen gegenübergestellt werden, deren Wasserversorgung sich infolge des Klimawandels verbessern könnte. Im IPCC Synthese Bericht werden aber nur die Zahlen aus einer der beiden Tabellen genannt, nämlich der, die die Zahlen der Menschen auflistet, die von größerem „water stress“ betroffen sein könnten. Diese Zahlen werden falsch gerundet, was ihr Auffinden erschwert. Es entspricht nicht den Regeln (nearest to the ten) eine Zahl von 239 auf 250 aufzurunden. Es entspricht auch nicht den Regeln, 74 auf 75 aufzurunden. Den Regeln gemäß hätte die Spanne 70 – 240 betragen müssen.

Aber auch für diese Spanne sehe ich keine ausreichende wissenschaftliche Basis für die Nennung im Synthese Bericht, weil sie die Zahl derjenigen nicht berücksichtigt, die vom Klimawandel profitieren. Wenn man die Zahlen in beiden Tabellen bezogen auf alle gerechneten Modelle gegeneinander aufrechnet, ergibt das die Spanne, die ich im Artikel genannt habe. Insofern ist die Behauptung des PIK nicht nachvollziehbar, solche Zahlen fänden sich in dem genannten Paper nicht.

Die Feststellung des PIK, derartige Zahlen seien „wissenschaftlich falsch“, kann ich ebenfalls nicht nachvollziehen. Soweit sich diese Wertung auf das Aufrechnen beider Tabellen bezieht, kann sie schwerlich „wissenschaftlich falsch“ sein. Es sei denn, beim IPCC würden im Hinblick auf Afrika andere Maßstäbe gelten als zum Beispiel im Hinblick auf Lateinamerika. Im Lateinamerika-Kapitel des IPCC-Reports wird die numerische 1:1 Gegenrechnung explizit vorgenommen – mit Hinweis auf dasselbe Paper von Arnell (2004). Siehe Band II, Seite 598, Tabelle 13.6.: „Net increases in the number of people living in water-stressed watersheds in Latin America by 2025 and 2055 (Arnell 2004)“

4.   Das PIK beklagt unter Punkt 8, dass der Text „ausgerechnet einen jener Wissenschaftler (kritisiert), die den viel zitierten Elfenbeinturm verlassen und den direkten Dialog mit der Öffentlichkeit suchen. (...) Der gesamte Vorgang wird andere Wissenschaftler nicht ermuntern, es ihm gleich zu tun.“ Soweit mit „Dialog mit der Öffentlichkeit“ das gemeint ist, was Rahmstorf im Zusammenhang mit der Beurteilung des Artikels in der FR veröffentlicht hat, kann ich nur hoffen, dass dies andere Wissenschaftler nicht ermuntert, es ihm gleich zu tun. Im Falle der Verbreitung von rufschädigender Unwahrheiten versteht sich das von selbst. Ich beziehe es aber auch allgemeiner auf den Stil der Medienkritik, derer sich Rahmstorf in diesem Fall bedient. Er ist geeignet, die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft zu diskreditieren und der weiteren Ideologisierung der Klimadebatte Vorschub zu leisten.

 

Bonn, 19.11.2011