Tiefschürfende Wissens-Prospektoren im Erzgebirge: WPK-Recherchereise "Rohstoffförderung und Rekultivierungsmaßnahmen"

Im April 2019 nahm die WPK an der Pressekonferenz in Brüssel teil, bei der die ersten Bilder eines schwarzen Lochs gezeigt wurden. Ein unvergessliches Erlebnis. „Horizonterweiternd“ hieß die damalige Recherchereise, durch die unsere Aufmerksamkeit nach oben ins Weltall gerichtet wurde. Und beim Gehen auf ebener Erde zwischen den Programmpunkten erzählte WPK-Freundeskreismitglied Dr. Hans-Jürgen Weyer von einer neuen Geo-Initiative, die die WPK eventuell neue Einsichten tief ins Erdreich ermöglichen könnte: RohstoffWissen! Horizonterweiternd also in eine andere Richtung.

Interessante Stationen für eine Reise mit Schwerpunkt Rohstoffförderung und Rekultivierungsmaßnahmen wurden in den nächsten Monaten erkundet: April 2020 stand als Termin für die Reise nach Sachsen fest. Da befanden wir uns aber alle unter Lockdown, und auch der Ausweichtermin im Herbst platzte. Erst im dritten Anlauf konnten 11 WPK-Mitglieder die folgende höchst ergiebige Recherchereise im Oktober 2021 endlich antreten.

Besten Dank an RohstoffWissen! und an den VBGU Verband Bergbau, Geologie und Umwelt nicht nur für die Idee zur Reise, sondern auch für die finanzielle und praktische Unterstützung, von der sachkundigen Begleitung ganz zu schweigen.

Lynda Lich-Knight

 

Programm Recherchereise Rohstoffförderung und Rekultivierungsmaßnahmen

 

 

Besuch bei der Wismut

Gleich am ersten Tag der Rohstoffreise führte der Weg unserer unverzagten Schar tiefschürfender Wissens-Prospektoren ins Herz des Erzgebirges. Die Region um Schneeberg war eines der Zentren des Uranbergbaus in der DDR. Die Wismut förderte hier und an einigen weiteren Standorten große Mengen an Uranerz, das die Sowjetunion dringend für ihr Atombombenprogramm benötigte. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges galt es für die Sowjetunion, möglichst schnell ihr nukleares Defizit gegenüber den Vereinigten Staaten auszugleichen. Die besten und reichhaltigsten Uranreserven hierfür lagen im Erzgebirge, auf der deutschen sowie zum Teil auch auf der tschechischen Seite.

Die Uranregion wurde zur Sonderverwaltungszone, die auch DDR-Bürger nur mit spezieller Genehmigung betreten durften. Für Bergleute gab es zusätzliche Rationen und ein hohes Gehalt. Ein wahre Uran-Bonanza entstand, auch wenn der Tarnname Wismut die Menschen vom eigentlichen Zweck der Bergbautätigkeiten ablenken sollte. Es ist kaum bekannt, dass die Wismut bis jetzt der weltweit größte Einzelproduzent von Uranerz ist. Mit dem Ende des Kalten Krieges war auch der Uranbergbau zuende. Große Strukturveränderungen und schwierige ökonomische Zeiten brachen für die Region an. Die heutige Wismut GmbH sichert im Bundesauftrag die verbliebenen Stollen und Abraumhalden, um mögliche Gefährdungen der Bevölkerung zu minimieren.

    

Der unter Geheimhaltung betriebene Bergbau, der möglichst schnell möglichst viel Uran für das sowjetische Atomprojekt bereitstellen sollte, brachte vor allem in den Anfangsjahren eine große Sorglosigkeit mit sich. Das betraf nicht nur den Arbeitsschutz. Auch der toxische Abraum der Urangewinnung wurde ohne viel Federlesens einfach in die Landschaft geschüttet. Teilweise türmten sich die Halden bis mitten die Dörfer hinein.

Dabei ist nicht nur das verbliebene Uran als toxisches und radioaktives Schwermetall ein Problem. Auch andere toxische Schwermetalle, wie das im Erzgebirge häufige Arsen und Cadmium, werden durch das Aufbrechen des Gesteins mobilisiert und können Gewässer vergiften. Obendrein dünstet das radioaktive Edelgas Radon – eines der Zerfallsprodukte von Uran – aus dem Gestein aus. Radon ist nach dem Rauchen die zweithäufigste Ursache von Lungenkrebs in Europa.

Nach einigen Vorträgen zur historischen Entwicklung und zur gegenwärtigen Situation machte unsere Gruppe Exkursionen zu einem alten Schacht- und Maschinenhaus, um die jahrzehntealte Bergwerkstechnik in Augenschein zu nehmen. Danach besichtigten wir Sicherungsarbeiten an einem alten Stollen sowie einen abseits gelegenen Radon-Abwetterschacht. An diesem wird die Luft aus den Stollen, die zum Teil mitten unter Wohngebiet verlaufen, herausgesaugt, so dass sich das Radon nicht in gefährlichen Konzentrationen unter den Wohnhäusern anreichern und in nennenswerten Mengen in Wohnbereiche diffundieren kann.

 

Die meisten Halden sind bereits in einen längerfristig sicheren Zustand versetzt worden. Dazu gehört eine Begradigung, um Hangrutschungen zu vermeiden. Dann wird eine Deckschicht aufgebracht, auf der Vegetation erblühen kann. Schutzfolien und Entwässerungskonzepte sollen dafür sorgen, dass Regenwasser keine Schwermetalle ausspült. Noch gibt es allerdings einige Aufgaben zu erledigen. So muss etwa der Schlamm des Hamburger Hafens immer noch als Sondermüll deponiert werden, da über die Elbe kontaminiertes Wasser quer durch Deutschland fließt und der Schadstoffeintrag insbesondere aus alten, noch unzureichend gesicherten Uranhalden immer noch zu groß ist.

Auf einigen Uranhalden sind mittlerweile Erholungsgebiete und sogar ein Golfplatz entstanden. Eine eindrucksvolle Renaissance hat der alte Kurort Bad Schlema erlebt, der sich durch den Uranbergbau zum Teil in eine toxische Mondlandschaft verwandelt hatte. Durch geschickte – und nicht ganz billige – Sanierung sind heute die Wunden geschlossen, und das pittoreske Städtchen hat sogar wieder einen Kurpark.

Dirk Eidemüller

 

Vom Meister der Arbeit und vom Kumpeltod

Mehr als 25.000 Menschen bauten zu DDR-Zeiten in der Wismut Uranerz ab – im Auftrag der Sowjetunion. Was motivierte die Bergleute, was trieb sie an? Und was wussten sie über die Gefahr?

Ich freue mich ganz besonders auf die vier Zeitzeugen, mit denen wir im Uranbergbaumuseum im Kulturhaus „Aktivist“ verabredet sind. Die vier Bergleute Peter Günther, Manfred Speer, Siegfried Geyer und Siegfried Woidke haben einiges aus ihrem Leben zu erzählen. Hier erfahren wir persönliche Erlebnisse und Wismut-Geschichten – aus erster Hand.

 

„Was mich motiviert hat, ist ganz einfach“, sagt Peter Günther gleich zu Beginn. „Mich hat das Geld gelockt. Das war der Punkt und nichts anderes.“ 27 Jahre lang schuftete er als Bergmann unter Tage – zunächst als Hauer. Mit dem vierzig Kilo schweren Bohrhammer baute er das begehrte Erz ab, dabei atmeten er und seine Kumpel jede Menge radioaktiven Staub und Radongas ein. „Den einen oder anderen hat es zeitig erwischt“, sagt Günther lapidar zu Todesfällen durch Lungenkrebs und Silikosen. „Aber ich – ich leb ja noch!“

In der Glasvitrine dann das vielleicht wichtigste Requisit: der „Kumpeltod“.  Wer bei der Wismut den kompletten Monat ohne Krankmeldung, Unfall oder Schlendrian durchhielt, bekam den Kumpeltod in Form von Schnaps zugeteilt. „Warst du nur einen Tag krank oder nicht anwesend, war der Schnaps weg“ sagt Günther. Dabei galt der Kumpeltod als wichtige Währung – im Tausch gegen drei Säcke Zement oder die rasche Reparatur des Trabbis war der Schnaps im Alltag unentbehrlich. 

Zum System aus Belohnung und Bestrafung – der „Mitarbeiterbindung“ – gehörten zahlreiche Orden und Verleihungszeremonien in großer Runde. „Uns hat dabei weniger der Orden interessiert als die Geldprämie, die damit verbunden war.“ Als „Meister der Arbeit“ bekam Peter Günther 500 Mark Sonderprämie. „Aber die musstest du gleich wieder verprassen, denn nach der offiziellen Verleihung wurde ordentlich gefeiert. “

In der Ausstellung und im anschließenden Gespräch im Gasthaus „Füllort“ tauchten wir gedanklich in eine Welt ein, in der es weniger um die eigene Gesundheit ging, sondern vielmehr ums Geldverdienen und um die eigene Identität. Denn die Gemeinschaft der Kumpel in lebensfeindlicher Umgebung, das Sich-aufeinander-verlassen-müssen und die Knochenarbeit unter Tage scheinen ein wesentlicher Aspekt des Zugehörigkeitsgefühls zum Bergbau im Allgemeinen und zur Wismut im Besonderen zu sein. Darum ärgern Peter Günther und seine ehemaligen Kollegen sich heute über Landräte und Politiker, die im Schwarzkittel (der Bergmannsuniform) auf öffentlichen Terminen erscheinen, ohne sich dem Bergbau im Erzgebirge verbunden zu fühlen.

Es ist auch sicherlich für uns nicht leicht, die Verbundenheit in dieser Tiefe nachzuempfinden. Das gelingt wohl nur, wenn man mit dabei war, man die Gefahr und Erschöpfung selbst erlebt hat. Darum danke ich – sicherlich auch im Namen meiner Kolleg*innen – für die Offenheit und die Einblicke in die menschliche Seite des Bergbaus im Erzgebirge während der DRR-Zeit und danach.

Also Glück auf – wenn ich das als Nicht-Bergfrau so sagen darf.

Nicola Wettmarshausen

 

Schatzkammer unter dem Berge

Voll Wissensdurst und Tatendrang begibt sich eine kleine, mutige Schar heute tief ins Herz des Berges. Getrieben ist sie nicht von der Gier nach Gold oder Edelsteinen, sondern von der Neugier auf den Flussspat, der hier aus der Tiefe emporgeholt wird.

Die erste Hälfte von Tag zwei unserer Rohstoffreise steht ganz im Zeichen eines Minerals, dass ich bisher nur als Randnotiz wahrgenommen habe. Zu Unrecht, wie wir gleich zu Beginn des Einführungsvortrags bei der Erzgebirgischen Fluss- und Schwerspatwerke GmbH im Bärensteiner Ortsteil Niederschlag nahe Oberwiesenthal erfahren. Denn Flussspat, versichert uns der Bergwerkschef, sei nicht nur aus Metallurgie und chemischer Industrie kaum wegzudenken, sondern auch ein Schlüsselmineral der Energiewende.

      

           

Kalziumfluorit, wie der Chemiker die farbenfrohen Kristalle nennt, dient als Flussmittel in Eisenhütten und zur Schmelzpunktsenkung in der Aluminiumgewinnung; zu Flusssäure verarbeitet, ist es ein Ausgangsstoff für verschiedenste Basischemikalien und Polymere; und es ist ein Grundstoff für die Glas- und Keramikindustrie. In Lithium-Akkus – und hier kommt die Energiewende ins Spiel – ist das Fluor aus dem Flussspat als Lithiumfluorit gebunden und damit ein Hauptbestandteil des Elektrolyts.

Hinunter bis auf Sohle acht

Wo es herkommt, wollen wir uns jetzt genauer anschauen. In einem Kleinbus und einem Pickup fahren wir in den Berg ein. In engen Schleifen windet sich die Straße hinunter bis auf Sohle acht. Wir halten in einer Felsnische und steigen aus. Es ist dunkel, kühl und feucht. Im Schein der Stirnlampen folgen wir unseren Gastgebern über eine schlammige, von kleinen Pfützen und Rinnsalen durchzogene Straße. Vor einer Felswand machen wir halt. Hier funkelt und glitzert es wie in einer Schatzkammer. Wir erfahren von Anomalien und Erzgängen, von Exploration und Abbaumethoden.

Letztere wollen wir unbedingt live sehen. Also geht es zurück zu den Autos. Nach kurzer Fahrt stehen wir auf Sohle sieben und bekommen recht schnell eine Ahnung, warum es vor Einfahrt in den Berg noch Ohrstöpsel für jeden gab. Je weiter wir auf unserem Weg durch die finsteren Gänge gehen, umso lauter dröhnt, hämmert und pfeift es um uns herum. Dann sehen wir ein Licht am Ende des Tunnels und die Geräusche sind mittlerweile zu einem ohrenbetäubenden Kreischen angewachsen. Gut zwanzig Meter vor uns steht eine Baumaschine. Sie ähnelt einem Radlader. Doch anstelle einer Schaufel trägt er ein Bohrgestänge. Das frisst sich im gleißenden Licht der Halogenscheinwerfer unbarmherzig in den massiven Felsen. Ein Schauer läuft mir über den Rücken, wenn ich bei diesem Anblick an unseren gestrigen Besuch im Wismut-Museum denke. Vor nicht allzu langer Zeit waren es noch Bergleute, die mit Presslusthämmern solche Löcher in den Fels trieben.

Taubes Gestein bleibt im Berg

Die Löcher – egal ob mit einfachem Werkzeug oder modernen Maschinen gebohrt – nehmen die Sprengladungen auf. Diesen Schritt überspringen wir heute und gehen direkt zur Aufbereitung des gewonnenen Gesteins. Anders als gemeinhin üblich, findet diese gleich unter Tage statt. Eine ganze Anlage wurde dazu in den Berg verfrachtet und füllt die unterirdische Halle mit ohrenbetäubendem Lärm. Die Brocken aus dem Fels werden hier zerkleinert und vorsortiert. Taubes Gestein wird abgetrennt und verbleibt gleich hier im Berg. Das vermeidet unschöne Halden an der Oberfläche und verringert das Transportvolumen.

Die Zeit unter Tage neigt sich für uns nun unweigerlich ihrem Ende zu. Denn WPK-Reisen sind bekanntlich kein Urlaub und am nächsten Termin in Freiberg ist nicht zu rütteln. Natürlich lassen unsere Gastgeber uns nicht ohne Stärkung von Dannen ziehen. Hier begegnet uns auch das heimliche Wappentier unserer kleinen Unternehmung wieder – der thüringische Mettigel. Und der hat diesmal scheinbar all seine Verwandten mitgebracht. Den Magen gestärkt und den Kopf voller Eindrücke fahren wir nun der nächsten Etappe unserer Rohstoffreise entgegen.

Kai Dürfeld

 

Sächsischer Marmor

Die Landschaft grüßt uns herbstlich-lieblich, nach Weiden mit Kühen, Gänsen und Alpakas fahren wir nach Hammerunterwiesenthal nahe der historischen Wintersportanlagen der DDR. Hier baut das Unternehmen GEOMIN nach eigenen Angaben das „größte Vorkommen an weißem, hochkristallinen Marmor in Deutschland“ ab. Am Rand des Geländes thronen zwei haushohe Kalköfen aus dem 18. Jahrhundert; heute wird das Gestein aber nur noch abgebaut und anderswo verarbeitet. 

Der Bergbau war auch hier wechselhaft: nach langer Tradition wurde die Marmorförderung 1984 eingestellt, später erwarb GEOMIN das Gelände von der Treuhand. Seit 2015 wird hier wieder gefördert.

               

Der Boden ist schlammig, mit einem Kleinbus geht es zwischen Muldenkippern in den Berg. Gesprengt wird nachmittags, wenn niemand mehr da ist, gerade ist der Transport aus dem Bergwerk in vollem Gange. Wir fahren bis auf die siebte Sohle ein. Der Marmor wird vor Ort zertrümmert – als dekorative Bodenplatten eignet er sich nicht, die europäische Konkurrenz ohnehin zu stark. Stattdessen wird der Marmor, der mineralogisch ein Kalkstein ist, gebrochen, sortiert und als Baumaterial verkauft. Die weißen Körnchen werden Putz zugesetzt oder Terrazzo-Platten, weniger weiße Teile auch dem Straßenbelag.

Karl Urban

 

Wo Humboldt Bergbau und Minenwesen studierte

Am Dienstag kamen wir nachmittags in Freiberg an – eine Kreisstadt zwischen Dresden und Chemnitz, die sich als ‚Silberstadt®‘ vermarktet. Ihre Existenz hat sie den Silbervorkommen zu verdanken, die vor rund 850 Jahren in der Region entdeckt wurden.

Freiberg ist heute eine hübsche Stadt mit vielen restaurierten Fassaden, rund 40.000 Einwohner:innen (mehr als ein Zehntel davon sind Studierende), und einer frisch direkt gewählten AfD-Abgeordneten im Bundestag.

Wir eilten in einen Hörsaal der Bergbauakademie – eine der ältesten Hochschulen weltweit, die sich mit Bergbau befassen.

Helmut Mischo, Leiter des Instituts für Bergbau und Spezialtiefbau, hielt uns einen kleinen Vortrag über Forschungsschwerpunkte, eine internationale Studierendenschaft und den Facharbeitermangel im deutschen Bergbau.

Dann kamen die interaktiven Besichtigungen:

Das Institut für Rohstoffabbau und Spezialverfahren unter Tage hat gemeinsam mit der Technischen Hochschule Mittweida eine Software entwickelt, mit der sich Avatare durch die virtuelle Umgebung der Reichen Zeche bewegen können – die Reiche Zeche ist das Lehrbergwerk der Bergakademie.

Die Avatare sind Mitglieder der Grubenwehr – der bergwerkseigenen Feuerwehr unter Tage. Sie löschen, wenn es brennt und helfen, wenn jemand verunglückt. Solche Ereignisse kann der Administrator in der Simulation passieren lassen – dann muss die virtuelle Grubenwehr das Richtige tun. Das Ganze dient Trainingszwecken. Wir durften die Simulation zwar ausprobieren und konnten unsere Avatare durch die Dunkelheit steuern – wirklich „üben“ lässt sich aber nur im Team – wenn sich mehrere Akteur*innen im Chat darüber verständigen, wie sie im Notfall agieren.

Die gerieten in krassen virtuellen Notsituationen in echtes Schwitzen, sagte Herr Mischo.

Mit einem anderen Simulator lässt sich die Steuerung eines Baggers über Tage üben. Man sitzt in einer Baggerkabine und hat auf einem Screen das Bild der Schaufel und einen Gesteinshaufen vor sich. Der muss mit den verschiedenen Joysticks Schaufel für Schaufel in einen nebenstehenden Container befördert werden. Allein für den richtigen Winkel der Schaufel beim Aufnehmen der gefühlt schweren Brocken hätten wir noch Stunden üben können. Beim Wenden der Schaufel Richtung Container haben manche von uns kleine Spuren in der Containerwand hinterlassen. Nur mal als Beispiel Uwes Score: 8 collisions.

Wir besichtigten außerdem einen Versuchsstand, in dem Gesteinsproben mit verschiedenen Schneidwerkzeugen in unterschiedlichen Winkeln bearbeitet werden können. Die Ergebnisse dieser Versuche helfen zum Beispiel bei der Produktion von Werkzeugen und Gewinnungsmaschinen. Eine kleine Sammlung deformierter Schneidwerkzeuge zeigte anschaulich, welchem Verschleiß diese Metallteile ausgesetzt sind.

Mit einem Handheld zur Elementaranalyse untersuchten wir schließlich Olafs Armbanduhr, die überraschend Magnesium enthielt. Normalerweise helfen diese kleinen Detektoren bei der Bergbau-Erkundung, denn sie können in Sekundenschnelle eine Liste der Elemente liefern, die sich nah an der Erdoberfläche befinden.

Grit Eggerichs

 

Der Mettigel

Er hätte die Augen aufgerissen, wenn es ihm möglich gewesen wäre. Dem Mettigel. Aber er lag nur ruhig in der Ecke und hörte der Präsentation des Geschäftsführers der Saxore Bergbau GmbH, Thomas Bünger, zu. Thema: Zinn. Was kann man mehr daraus machen als rustikale Trinkbecher und teure Figuren historischer Soldaten? Perowskit-Solarzellen beispielsweise. Sie sind dünner als Silicium-Zellen und können zudem grünes und blaues Licht verwerten. Und man braucht Zinn in den Anoden und Kathoden der Lithium-Ionen-Batterien, also für Elektromobilität. Damit ist Zinn eines der Metalle, ohne die es eng werden könnte für die Energiewende.

Parallel bleibt die Nachfrage in den Hauptanwendungsgebieten, Lötzinn und die Herstellung von Weißblech, unberührt. Kein Wunder also, dass die Nachfrage von etwa 300.000 Tonnen im Jahr ausgehend steigt. Das schlägt sich auch im Preis nieder. Der hat sich innerhalb des vergangenen Jahres in etwa verdoppelt. Kein Wunder also, dass neue Lagerstätten erschlossen werden.

Die Saxore ist mit zwei Projekten dabei: Tellerhäuser, Gottesberg und Auersberg. Hier werden Zinnvorkommen zwischen 0,27% und 0,49% erwartet, die den Abbau rentabel machen. Mit welchen Umweltfolgen? Thomas Bünger in seiner Präsentation: „Tellerhäuser (bietet) die Möglichkeit, ein weitestgehend ESG (Environment-, Social-, und Governance-) konformes Bergwerk zu entwickeln, das auch als internationaler Showcase dienen kann.“

Dann kam Thomas Bünger auf die Massenströme zu sprechen. Die genannten Zahlen können an dieser Stelle nicht mehr reproduziert werden. Nach Angaben der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe entstehen jedoch aus 575 Millionen Tonnen abgebautem Roherz gerade einmal 0,04 Tonnen Zinn als Sekundärraffinade. Umgerechnet: Schlägt man das Volumen eines Küchentischs Roherz aus dem Berg, erhält man daraus ein paar Gramm Sekundärraffinade-Zinn. Man wird also für die Energiewende ganze Berge aushöhlen. Wie eingangs gesagt: Da hätte der Mettigel die Augen aufgerissen, wenn er gekonnt hätte.

Uwe Springfeld

 

Der Bergbau, der sich selbst saniert

Rohstoffe haben das Erzgebirge einst reich gemacht, aber auch Berge an Altlasten hinterlassen – ein Freiluftlabor für Ressourcenforscher, die den Bergbau umweltfreundlicher machen wollen.

Lithium, Nickel, Seltene Erden – ohne sie sind Energiewende und Digitalisierung kaum denkbar. Fast überall sind in  moderner Technik mineralische und metallische Rohstoffe verbaut, ob in Smartphones, Autobatterien oder Solarpanels. Die Nachfrage ist ungebrochen und treibt die Preise weiter in schwindelerregende Höhen.

Lösungen für die drohende Rohstoffknappheit zu finden, sei aber nur ein Teil seines Auftrags, sagt Jens Gutzmer. Vor zehn Jahren trat er als Direktor des neugegründeten Helmholtz-Instituts Freiberg für Ressourcentechnologie (HIF) an und ist überzeugt: „Wer sich damit begnügt, fossile Brennstoffe durch Erneuerbare Energien und E-Mobilität zu ersetzen, verschiebt das Umweltproblem nur“.

Der Bergbau genießt einen schlechten Ruf bei Umweltschützern. Wenn Bagger und Bohrmaschine den Boden aufreißen, fördern sie neben Bodenschätzen weitere kritische Substanzen aus den Tiefen der Erde zu Tage, die dann zusammen mit den wertvollen Erzen mechanisch zerkleinert, zur Aufreinigung mit toxischen Chemikalien versetzt und aufgeschlämmt werden. Zurück bleiben riesige Halden, Schlämmseen und Schlacken, belastet mit einem hochgiftigen Chemikalien-Cocktail. Täler des Todes, die für Mensch und Tier auf lange Zeit unbenutzbar bleiben. Die Sanierung solcher Altlasten kostet Bergbaunationen jedes Jahr Unsummen, die insbesondere die Länder des globalen Südens zu tragen oft nicht im Stande sind.

Im Erzgebirge hat der Bergbau Tradition. Seit dem 11. Jahrhundert wurden hier die verschiedensten Rohstoffvorkommen ausgebeutet – und damit ein riesiger Schatz an Erfahrungen aufgebaut. „Die haben wir aber nicht nur im Bergbau“, betont Gutzmer, „sondern auch im Umgang mit den Altlasten.“ Die regionalen Halden bieten den Wissenschaftlern reale Bedingungen für ihre Forschung. „Diese Vorteile wollen wir nutzen, um Methoden zu entwickeln, den Bergbau überall auf der Welt nachhaltiger zu machen.“

Recomine soll Forschungseinrichtungen und Wirtschaftsunternehmen aus der Region zusammenbringen, um die Zusammenarbeit zu stärken. Mehr als 60 regionale Akteure gehören dem Bündnis mittlerweile an. „In recomine steckt eco“, sagt Philipp Büttner, der das Netzwerk koordiniert. Eco wie ökologisch – aber auch wie ökonomisch. Man müsse Altlasten als Schatzkästchen betrachten, ist er überzeugt. Das sei technisch zwar anspruchsvoll, aber durchaus lohnenswert. Darin schlummerten meist noch große Mengen an Wertstoffen.

Ob die Gewinnung lohnt, hängt immer von der Preisentwicklung ab – und vom technischen Fortschritt. Wie im Fall der vier Millionen Tonnen mächtigen Altenberger Halde, erzählt Büttner: 0,2 Prozent Zinn seien darin immer noch als Reststoff enthalten. „Rund die Hälfte des seinerzeit dort abgebauten Rohstoffs - und heute mit konventionellen Technologien gewinnbar.“ 

Zum Einsatz könnten aber auch biologische Methoden kommen, wie sie einer der recomine-Partner entwickelt. Damit ließen sich Wertminerale und Schadstoffe voneinander trennen, die im Gestein eng miteinander vergesellschaftet vorkommen.

Mit dem Erlös ließe sich die Sanierung der Halde, die langfristig erforderlich ist, zumindest teilweise refinanzieren. 

Im Fokus stehen am HiF aber nicht nur bereits entstandene Schäden. Die Drohnen von Richard Gloaguen, die unten im Hof das Herbstlaub unter dem Ahorn aufwirbeln, sollen Eingriffe in die Natur schon vor Beginn des eigentlichen Abbaus vermeiden helfen. „Selbst in schwer zugänglichem Gelände können wir Lagerstätten damit nicht-invasiv aufspüren“, erklärt  der Experte für Fernerkundungen. Das spare nicht nur Zeit bei der Kartierung, sondern schone auch die Umwelt.

Möglich wird das durch Hyperspektralkameras, mit denen die Drohnen das zu kartierende Areal abscannen. Neben den verschiedenen Anteilen des sichtbaren Lichts erfassen diese auch UV- und Infrarot und trennen das einfallende Licht in die einzelnen Spektralfarben auf – ähnlich wie ein Wassertropfen, der einen Regenbogen entstehen lässt. Zu den chemischen Eigenschaften von Materialien gehören jeweils spezifische Absorptionsmuster für Licht, die so sichtbar gemacht werden können. In Kombination mit KI-basierten Methoden erstellt Gloaguens Team aus den so gewonnenen Daten detaillierte 3-D-Kartierungen, die Aufschluss über die chemische Beschaffenheit des überflogenen Areals geben und auf denen sich zum Beispiel Seltener Erden vom umgebenden Gestein unterscheiden lassen.

 

Mit internationaler Unterstützung entstehen im Erzgebirge Ideen, die weit über die Region hinaus auf Interesse treffen. Das zeigen nicht zuletzt die vielen nationalen und internationalen Kooperationen und der hohe Anteil internationaler Studenten und Mitarbeiter am HiF. Vielleicht ein Zeichen dafür, dass sich Umweltprobleme tatsächlich nicht nur verschieben, sondern auch nachhaltig lösen lassen.

Dina Koletzki de Salazar

 

Fotos von Dina Koletzki, Kai Dürfeld, Sibylle Grunze, Rüdiger Schacht, Nicola Wettmarshausen, Olaf Alisch, Lynda Lich-Knight

Die WPK dankt den Sponsoren der Recherchereise: Initiative RohstoffWissen! (Übernachtung Schneeberg), TMGS Tourismus Marketing Gesellschaft Sachsen mbH (Übernachtung Freiberg), Geokompetenzzentrum Freiberg eV
(Abendeinladung).

 

Hier können Sie den Beitrag von Hans-Jürgen Weyer (RohstoffWissen!) lesen