Fukushima und die Karriere eines Angst besetzten Wortes: Kernschmelze

Von Markus Lehmkuhl

     Nach Tschernobyl 1986 gab es wohl kaum einen Begriff, der die Schrecken eines möglichen Atomunfalls kompakter gebündelt hätte, als die "Kernschmelze“. Das Wort stand für das Allerschlimmste, das passieren kann. Der Begriff ist seit Tschernobyl Teil des kulturellen Gedächtnisses, er steht für etwas, das nicht nur hypothetisch, sondern tatsächlich möglich ist. Er steht für ein Risiko, dessen Eintrittswahrscheinlichkeit als winzig eingestuft werden muss, will man die Akzeptanz der Bevölkerung für diese Technik erhalten oder erringen. Alle übrigen gewichtigen Risiken der friedlichen Nutzung  von Atomkraft treten in den Hintergrund vor dem, was mit diesem Begriff seit 1986 semantisch verknüpft ist: Großflächige Verstrahlung, nachhaltige Unbewohnbarkeit riesiger Räume, grotesk anmutende Missbildungen von Kindern, Krebs... . Und es gibt nichts, was man dagegen tun könnte.
     Es mag für die Symbolkraft dieses Begriffes sprechen, dass sich unmittelbar nach der Katastrophe in Fukushima fast die gesamte Katastrophenberichterstattung um dieses Reizwort dreht: „Kernschmelze“. Am 12 März, einen Tag nach dem Tsunami, erscheint der Begriff Fukushima in fast drei Vierteln aller 200 in Deutschland erschienenen Artikeln gemeinsam mit dem der Kernschmelze. Die deutsche Presse fragt sich, ob eine Kernschmelze drohe oder schon eingesetzt habe.
     Am 13. und 14. März flutet die deutsche Publizistik die Öffentlichkeit mit Berichten. Binnen zwei Tagen erscheinen über 1300 Artikel. In knapp der Hälfte dieser Artikel erscheint das Symbol für das Allerschrecklichste, die „Kernschmelze“. Dass diese bereits eingesetzt hätte, meldet die Tagesschau unmittelbar nach der Katastrophe. Etwas voreilig, wie sie später einräumte. Bis zur offiziellen Bestätigung durch amtliche japanische Quellen am 28. März dominiert eine „drohende Kernschmelze“, die mehr oder weniger wahrscheinlich erscheint.

Zahl der Artikel über Fukushima in der deutschen Presse vom 12.03 bis zum 17.04.2011
Die Angaben beruhen auf den Eintragungen der Datenbank Genios, die eine große Zahl bundesdeutscher Pressetitel im Volltext zur Verfügung stellt.

Binnen fünf Wochen publizierte die deutsche Tagespresse 21875 Artikel, in denen Bezug genommen wird zu Fukushima. Verglichen mit der Berichterstattung in den USA nimmt die Thematisierung des Ereignisses im Zeitverlauf nur langsam ab. Noch fünf Wochen nach dem Erdbeben erscheinen über 2600 Artikel, in denen Fukushima erwähnt wird.

     Die Informationspolitik der japanischen Regierung und des Betreibers des AKW Tepco schien angesichts der Symbolkraft dieses Wortes darauf gerichtet zu sein, auch publizistisch gegen die Kernschmelze zu kämpfen. Eine Kernschmelze galt es publizistisch und tatsächlich zu verhindern. Man fütterte die Öffentlichkeit geflissentlich mit Informationen, die das realistisch erscheinen ließen. Diese Informationspolitik konnte die Welt glauben  lassen, dass es zum Allerschlimmsten nicht gekommen ist. Und wer wollte das zu diesem Zeitpunkt nicht glauben? Man konnte den Eindruck  gewinnen, dass es eine Kernschmelze nicht geben durfte. Es war fast so, als wolle die Öffentlichkeit die Augen verschließen vor dem, was die Indizien nahelegten: Die Kernschmelze hatte – wie im Siedewasserreaktor von Harrisburg – unmittelbar nach dem Ausfall der Kühlung eingesetzt.
     Es ist verblüffend, wie schnell die Symbolkraft des Begriffes „Kernschmelze“ erodierte. Bereits unmittelbar nach dem Tsunami und der Atomkatastrophe von Fukushima nimmt die Nennung des Wortes im Zusammenhang mit Fukushima rapide ab (siehe Grafik). In der zweiten Woche nach der  Katastrophe fällt in 100 Artikeln über Fukushima in 15 der Begriff „Kernschmelze“. Im weiteren Zeitverlauf befassen sich abgesehen von drei Ausnahmen nur noch zwischen fünf und zehn Prozent aller Artikel eines Tages, in denen der Begriff Fukushima vorkommt, mit der Kernschmelze.
     Lediglich am 29. März springt der Begriff den deutschen Zeitungsleser für einen Tag erneut an. Die japanische Regierung räumt ein, dass es zu einer „partiellen Kernschmelze“ gekommen sei. Schon einen Tag später spielt sie keine Rolle mehr. Jetzt ist es amtlich: Es ist zu einer Kernschmelze gekommen. Nimmt man das rapide Absinken des Interesses an dieser Tatsache einen Tag nach seiner Verlautbarung als Indiz, dann schien die Öffentlichkeit daran nurmehr mäßig interessiert. Kernschmelze! Na und?

Thematisierung der Kernschmelze in den Medien
in Deutschland (rote Linie) und den USA (blaue Linie)
Die Analyse basiert auf den Volltext-Datenbanken Genios (Deutschland) und LexisNexis (USA).

Die Grafik weist den Anteil der Artikel über Fukushima in Prozent aus, in denen die Kernschmelze thematisiert wurde. Es ist verblüffend, wie stark sich der Verlauf der Linien ähnelt. Das deutet darauf hin, dass die japanische Regierung zumindest im publizistischen Kampf gegen die Kernschmelze erfolgreich war.

     Das, was unmittelbar nach dem Beben in Japan noch als eine schwer erträgliche Vorstellung erschien, war nach 14 Tagen Gewöhnung an eine der furchtbarsten Katastrophen der Neuzeit etwas, das kaum noch jemanden nachhaltig zu erschrecken vermochte. Es mutet an, als verhielte sich die öffentliche Wahrnehmung eines katastrophalen Risikos wie ein Börsenkurs, der von Gerüchten angeregt starke Ausschläge zeigt. Wenn sich die  Gerüchte schließlich bewahrheiten, gibt es kaum noch Kursausschläge. Man hat nichts anderes erwartet.

     Nur zwei weitere Ereignisse sorgen danach noch dafür, dass der Begriff der Kernschmelze in mehr als fünf von Hundert Artikeln über Fukushima  und die Folgen vorkommt. Am 04. April leitet Tepco verstrahltes Wasser ins Meer. Am 12. April stuft Japan den GAU auf Stufe 7 hoch. Damit ist er jetzt – amtlich betrachtet – dem Reaktorunglück in Tschernobyl gleichgestellt.

     Die Berichterstattung über Fukushima und die Kernschmelze in Deutschland zeigt verglichen mit der in den USA Unterschiede und Ähnlichkeiten. Anders als in Deutschland beschäftigt sich ein größerer Anteil von Artikeln in den USA mit der Kernschmelze. Während über den gesamten Zeitraum von fünf Wochen nach der Katastrophe 21 Prozent der Artikel die Kernschmelze thematisieren, sind es in Deutschland im Mittel 14 Prozent. Dies dürfte mindestens teilweise dem Umstand zuzuschreiben sein, dass Fukushima in Deutschland anders als in den USA die so genannte Energiewende einleitete. Dazu passt auch, dass der Berichterstattungsausstoß in den USA nach der ersten Berichterstattungswoche deutlicher sinkt als der in  Deutschland. Durch die Diskussion um die Energiewende ergaben sich in Deutschland mehr Berichterstattungsanlässe als in den USA.
     Ein verblüffend ähnliches Muster zeigt die Thematisierung der Kernschmelze. Auch in den USA dominiert zu Anfang die Angst vor der Kernschmelze. Allerdings verliert der Begriff auch hier schnell an Strahlkraft. Die beiden Kurven, die das Verhältnis der Artikel abbilden, in denen nur der Begriff Fukushima vorkommt und denen, in denen die Begriffe Fukushima und Kernschmelze semantisch verknüpft sind, zeigen nahezu identische  Ausschläge im Verlauf von sechs Wochen. Mit anderen Worten: Gelegentlich mit einem Vorlauf oder einer Verzögerung von einem Tag steigt und fällt die Beschäftigung der amerikanischen Presse mit der Kernschmelze fast genau so wie die der deutschen. Wäre der Verlauf der Kurven völlig identisch, ergäbe sich statistisch ausgedrückt ein Zusammenhang von p=1.00. Er beträgt tatsächlich p=.85.
     Es muss also etwas geben, dass diese Ähnlichkeiten erklärt. Akzeptiert man einzelne Untersuchungen der Berichterstattung über Tschernobyl und besonders Harrisburg als geeignete Referenz, dann könnte sich darin etwas ausdrücken, dass für ein Merkmal der Berichterstattung über Risiken im Allgemeinen und Reaktorunfälle im Besonderen gehalten wird: Die Berichterstattung orientiert sich stark an der Verlautbarungspraxis amtlicher Quellen. Die Ähnlichkeiten im Verlauf der Kurven deuten darauf hin, dass die japanische Regierung mindestens im Kampf gegen die publizistische  Kernschmelze sehr erfolgreich war.




Markus Lehmkuhl
ist Projektleiter an der FU Berlin,
Arbeitsstelle Wissenschaftsjournalismus,
und leitet die WPK-Quarterly Redaktion






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