Zu Besuch in Israel - Bericht zur WPK-Recherchereise

Deutsche Wissenschaftsjournalisten zu Besuch in Israel

WPK-Recherchereise nach Israel, 20.-29. November 2015

Im November reisten 26 Mitglieder des deutschen Wissenschaftsjournalistenverbands WPK für zehn Tage nach Israel, um das Land und seine Forschungseinrichtungen kennenzulernen. Alle Teilnehmer kehrten begeistert und voller neuer Eindrücke zurück. Viele sagten, sie seien schier überwältigt von diesem einzigartigen Land im Nahen Osten.

Einer von vielen Höhepunkten war der Besuch der Manot-Höhle in Westgaliläa. Im Jahr 2008 wurde dort das Schädeldach eines anatomisch modernen Menschen gefunden, dessen Alter auf 54.700 Jahre datiert wurde. Forscher halten das Exemplar für den ältesten bekannten Menschen außerhalb Afrikas. Vermutlich lebten Menschen in dieser Gegend Seite an Seite mit Neandertalern. Die Gruppe besichtigte die Höhle und die laufenden Ausgrabungen gemeinsam mit Omry Barzilai von der Israel Antiquities Authority und mit Israel Hershkovitz vom Institut für Anatomie und Anthropologie der Universität Tel Aviv.

Vor allem Vogelliebhaber waren begeistert vom Ausflug in die Hula-Ebene an der Grenze zum Libanon. Millionen Zugvögel passieren jedes Jahr das schmale, wasserreiche Tal - viele bleiben während des Winters dort, unter anderem, zehntausende Kraniche. Die Gruppe traf sich im Hula Valley Nationalpark mit Ran Nathan und Sasha Perkarsky vom Minerva Center for Movement Ecology von der Hebräischen Universität Jerusalem.

Die Forscher demonstrierten, wie sie Vögel mit einer neuen Art Sensor ausstatten; diese sind leichter, billiger und genauer als GPS. Damit wollen die Forscher die Bewegung der Vögel und ihr Verhalten im Tal genau festhalten. Viele Forscher deutscher Universitäten sind an dem Projekt beteiligt.

Zwei Tage am Toten Meer boten der Gruppe die Gelegenheit, das Projekt DESERVE (Dead Sea Research Venue) genauer kennenzulernen. Es untersucht Gründe und Lösungen für die Wasserprobleme in der Region: den fallenden Wasserspiegel des Toten Meeres, flutartige Überschwemmungen, das vermehrte Auftreten von Sinklöchern und Erdbeben. Am interdisziplinären Projekt beteiligen sich deutsche, israelische und jordanische Forschungsinstitute. Die Gruppe traf Pinhas Alpert und Adam Eshel vom Institut für Geowissenschaften der Universität Tel Aviv. Gemeinsam besichtigten sie die Messinstrumente, die die Forscher in der Wüste und im Zeelim-Wadi installiert haben. Diese messen unter anderem die Intensität von Wasserfluten, die Regenmenge, lokale Wolkenbildung und andere Parameter.

Ein Besuch des Weltkulturerbes Masada verband archäologische Forschung mit Kultur und Geschichte des Landes. Die Gruppe besichtigte die ehemalige jüdische Festung zusammen mit Avner Goren, ein Archäologe von Weltrang, der an den Ausgrabungen von Masada maßgeblich beteiligt war. Er arbeitete früher für die Israel Antiquities Authority.

Die Wissenschaftsjournalisten besuchten zudem drei Universitäten und Forschungsinstitute: die Hebräische Universität Jerusalem, das Weizmann-Institut in Rehovot und das Technion, die Technische Universität Israels in Haifa. In kleineren Gruppen besichtigten sie die Labore und bekamen einen exklusiven Einblick in die Forschung Israels.

Am Weizmann-Institut sprachen die Journalisten mit Nobelpreisträgerin Ada Yonath, die ihnen für die Zukunft eine neue Art von Antibiotikum versprach. Maya Schuldiner am Institut für molekulare Genetik erklärte, wie Roboter die Forschung in der Genetik beschleunigt haben, und Elad Schneidmann vom Institut für Neurologie gab Einblicke in seine Versuche, eine Art Wörterbuch für Gehirnzellen zu erschaffen.

Ron Milo vom Institut für Pflanzen- und Umweltwissenschaften erläuterte, wie er E.coli-Bakterien darauf trainieren will, Zucker aus Kohlendioxid herzustellen. Während des Mittagessens hatten die Journalisten die Möglichkeit, mit deutschen Forschern am Weizmann-Institut zu sprechen und sie zu fragen, warum sie sich für einen Forschungsaufenthalt in Israel entschieden haben.

An der Hebräischen Universität Jerusalem besichtigte die Gruppe die Albert-Einstein-Archive. Idan Segev vom Edmond und Lily Safra Zentrum für Hirnwissenschaft gab einen ausführlichen Überblick über das Human Brain Project und erläuterte, wie das Großprojekt dabei helfen soll, Krankheiten zu heilen: "Ich möchte, dass der Computer an Parkinson erkrankt, um ihn dann gesund zu machen", sagte er. Nissim Benvenisty vom Azrieli Center erklärte, warum Israel in punkto menschliche embryonale Stammzellen aufgeschlossener ist als Deutschland.

Am Technion bekamen die Journalisten künstliche Lungen, elektronische Nasen und elektronische Haut zu sehen. Josue Sznitman vom Institut für Biomedical Engineering entwickelt eine Plattform mit feinen Kanälchen, die die Lunge simuliert. Hossam Haick von der Fakultät für Chemieingenieurswissenschaften entwickelt elektronische Nasen, die Krankheiten detektieren sollen, und künstliche Haut für Roboterfinger.

Auf großes Interesse stießen auch die wissenschaftspolitischen Hintergrundinformationen, die den deutschen Journalisten aus erster Hand geboten wurden. Am Weizmann Institute stellte dessen Präsident, Daniel Zajfmann, das auf wissenschaftliche Exzellenz ausgerichtete Arbeitsprogramm der Grundlagenforschungs-Einrichtung dar. Im internationalen Ranking der zehn Wissenschaftsinstitute mit den häufigsten Forschungszitationen ist Weizmann neben neun US-Labors die einzige nicht-amerikanische Einrichtung. „Wir berufen herausragende Wissenschaftler, die bei uns völlige Forschungsfreiheit haben“, erklärte Zajfmann, der vor seiner Weizmann-Präsidentschaft am Heidelberger Max-Planck-Institut tätig war.

 Die Erfolge des Technologie-Transfers wurden an der Technischen Universität Technion in Haifa von Vizepräsident Boaz Golany vorgestellt. Über 1600 Unternehmen mit rund 100.000 Beschäftigten seien bisher aus dem Technion heraus gegründet worden, dessen Wurzeln auf eine deutsche Unterstützung vor dem Ersten Weltkrieg zurückreichen. Ebenso professionell ist auch der Technologietransfer an der Jerusalemer Hebrew University in Form des Tochterunternehmens Yissum organisiert.

Einen kollegialen Empfang erwartete die deutschen Journalisten am zweiten Tag durch den Jerusalem Press Club, der zusammen mit der Israelischen Akademie der Wissenschaften auch als einladende Organisation für die Reise fungierte. Die israelischen Kollegen hatte eine äußert informative Podiumsdiskussion organisiert, an der neben dem bekannten Historiker Prof. Moshe Zimmermann von der Hebrew University Jerusalem auch Shmuel Revel vom israelischen Außenministerium und der Journalist David Witzthum teilnahmen. Zimmermann verwies auf Umfragen, nach denen sich für 90 Prozent der Israelis die Beziehungen zu Deutschland – trotz der historischen Belastungen der NS-Judenverfolgung –heute in einem „Zustand der Normalität“ befänden. Das Image der Deutschen sei in den letzten Jahren immer besser geworden. Umgekehrt wachse dagegen vor dem Hintergrund des Nahostkonflikts und der Siedlungspolitik auf deutscher Seite die Kritik an Israel. Auch die deutsche Presse, monierten die Jerusalemer Kollegen, zeichne heute ein zu einseitiges, weil nur auf Konflikt ausgerichtetes Bild Israels.

Ein politischer Höhepunkt war das Zusammentreffen mit der Wissenschaftlichen Beraterin des Israelischen Wissenschaftsministeriums, Nurit Yermiya. Sie berichtete, wie Empfehlungen aus der Wissenschaft in Israel in die poltisch-administrative Umsetzung gelangen, so beispielsweise mit aktuellen Empfehlungen zur wissenschaftlichen Begleitung des demographischen Wandels oder zur verstärkten Finanzierung von Hightech-Unternehmen in der frühen Gründungsphase. Frau Yermiya betonte, wie eng sich die wissenschaftlichen Beziehungen zwischen Israel und Deutschland in den letzten Jahren entwickelt hätten. Allein in diesem Jahr, in dem die Aufnahme der diplomatischen Beziehungen beider Länder vor 50 Jahren gefeiert wird, sei sie sechs Mal nach Deutschland gekommen. Zuletzt zur „Falling Walls“-Wissenschaftskonferenz am 9. November in Berlin. Dort wurde als beste Nachwuchsforscherin die israelische Raketentechnikerin Shani Elitzur ausgezeichnet, die von der WPK-Gruppe dann in ihrem Labor an der Technion-Fakultät für Luftfahrt-Technik vor Ort besucht werden konnte.

 Die Journalisten schätzten besonders auch die Gespräche mit Israel-Experten wie dem Sozialwissenschaftler Prof. Carlo Stranger von der Universität Tel Aviv, der zu Beginn der Reise in einem Begrüßungsabend der Deutschen Botschaft zusammen mit Wissenschaftsattaché Gabriele Hermani profunde Kenntnisse über die gegenwärtige politische und gesellschaftliche Situation des Landes vermittelte.

Mit vielen Eindrücken und Kontakten, Fotos und Notizen für Wissenschafts-Reportagen über Israel kehrten die WPK-Journalisten am 29. November nach Deutschland zurück. Alle stimmten überein: Es war eine Reise, die Früchte tragen wird.

 Die WPK am Rande des Abgrunds: ein Sinkloch nahe Ein Gedi am Toten Meer, 28.11.2015


Die WPK möchte dem Bundesministerium für Bildung und Forschung sowie der Israelischen Botschaft in Deutschland für die finanzielle Unterstützung der Reise danken.

Für die WPK: Lynda Lich-Knight, Brigitte Osterath, Manfred Ronzheimer, Martin Schneider

Bonn/Berlin, 15. Dezember 2015

 

 

 

Die verschriftlichten und hörbaren "Früchte der Reise":

Einstein Archives

„Das Leben eines Genies“, by Alexander Mäder, Stuttgarter Zeitung, 24.11.15
http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.einstein-archiv-das-leben-eines-genies.3c65b487-9f07-4676-966f-82ce9ed9ad5d.html

"Das Einstein-Archiv in Jerusalem", by Thomas Prinzler, 29.12.15
https://www.inforadio.de/programm/schema/sendungen/wissenswerte/201512/227617.html 

 

Science / Startups in Israel

"Treibstoff für die Wissenschaft", by Manfred Ronzheimer, taz, 19.02.16
http://www.taz.de/!5276457/

"Militär prägt Forschung in Israel", by Michael Stang, 11.02.16
http://www.wdr5.de/sendungen/leonardo/sendeterminseiten/leo-sts-234.html

 

Movement Ecology

„Das geheime Leben der Vögel wird aufgeklärt“, by Alexander Mäder, Stuttgarter Zeitung, 1.12.15
http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.biologie-das-geheime-leben-der-voegel-wird-aufgeklaert.dc28f042-5fb2-4e81-a12d-9520b6ba9f7c.html

 

Dead Sea

“Das Tote Meer wird immer kleiner” by Alexander Mäder, Stuttgarter Zeitung, 4.12.15
http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.kooperation-mit-israel-2-das-tote-meer-wird-immer-kleiner.a540c2ce-a554-4415-a782-79eb498d8af7.html


Manot-Cave

"An der Wiege des modernen Menschen" by Thomas Prinzler, 26.12.15
http://www.inforadio.de/programm/schema/sendungen/wissenswerte/201512/229133.html

 

Weizmann Institute / Meeting with Chief Scientist

„Reich und selbstbewusst“ by Alexander Mäder, Stuttgarter Zeitung, 4.12.15
http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.forschung-in-israel-reich-und-selbstbewusst.fb968962-c979-4d3a-bc0d-9a6626f8a18d.html

"Forschungsreise Israel - Weizman Institute", audio by Thomas Prinzler, 30.12.15
http://mediathek.rbb-online.de/radio/Wissenswerte/Forschungsreise-Israel-Weizman-Institut/Inforadio/Audio?documentId=32513864&topRessort=radio&bcastId=21941960

 

Weizmann Institute / Ada Yonath

"Wie Antibiotika zielsicher werden können" by Hanno Charisius, Süddeutsche Zeitung, 5.12.15
http://www.sueddeutsche.de/gesundheit/infektionen-gute-keime-schlechte-keime-1.2765945


 Open Access Journal für Kinder

"Wissenschaftler erklären Kindern ihre Arbeit" by Alexander Mäder, Stuttgarter Zeitung, 30.12.15
http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.bildung-wissenschaftler-erklaeren-kindern-ihre-arbeit.430cf286-0918-4983-a9cf-6727083082a2.html