Martin Schneider zu 30 Jahren WPK

Frau Ministerin, liebe Abgeordnete, liebe WPK Gründungsmitglieder – liebe WPKler, liebe Gäste.

Ob 30 Jahre eine lange oder eine kurze Zeit sind, das kommt ganz auf die Perspektive an. 30 Jahre braucht’s etwa, um es im Berufsleben zur ersten befristeten Postdoc-Stelle zu schaffen – oder im Privatleben bis zu schlaflosen Nächten mit dem eigenen Nachwuchs. Bei einem Verband sind 30 Jahre die Zeitspanne, nach der nun auch die letzten Gründungsmitglieder ihren Ruhestand genießen. Nicht von ungefähr hat man ja für die 30 Jahr Spanne den Begriff der Generation geprägt, und tatsächlich hat die WPK heute bereits viele Mitglieder, die zur Zeit der Gründung noch gar nicht geboren waren. Ein gelungener Generationswechsel, wenn man so will, der uns freut.

Wenn man‘s so betrachtet: Eine lange Zeit also … Kurz kommt’s einem immer dann vor, wenn man zurückschaut und sich fragt, wo die ganze Zeit geblieben ist. Und das merkt man auch daran, wenn man in die Gesichter der hier anwesenden Mitglieder der ersten oder zweiten Stunde schaut – die haben sich alle kaum verändert.

Ob lang oder kurz - In der Geschichte des Wissenschaftsjournalismus sind die letzten 30 Jahre jedenfalls eine Zeit, in der sehr viel passiert ist. 1986, das war das Jahr der Tschernobyl-Katastrophe, und die Berichterstattung darüber offenbarte eklatante Schwächen, was Daten, Hintergründe und Fakten anging. Zumindest empfanden das zwei Dutzend Kollegen so, die damals die Wissenschafts-Pressekonferenz gründeten, um diesem Mangel an wissenschaftlicher Expertise im Journalismus zu begegnen.

In den 30 Jahren hat es der Wissenschaftsjournalismus vom „verspäteten Ressort“, als das er Ende der 80er Jahre noch galt – bis zum etablierten Partner in den Redaktionen geschafft. Die WPK hat in dieser Zeit Debatten voran getrieben, die zur jeweiligen Profilierung von Wissenschaftskommunika­tion und Wissenschaftsjournalismus beitrugen. Die war sicher wichtig in Zeiten, wo das Geschäfts­modell der Medien zu bröckeln begann und gleichzeitig die Kommunikationsabteilungen der Forschungsabteilungen ausgebaut wurden, und die durch diese Debatte entstandenen Klärungen bleiben auch die Grundlage unseres Miteinanders.

Viel wichtiger ist heute aber das, was Prof Kleiner heute den „gemeinsamen Referenzrahmen“ von Wissenschaft und Journalismus genannt hat. Denn 30 Jahre nach Gründung der WPK sehen wir wieder eine Krise, die nicht nur den Wissenschaftsjournalismus und auch nicht nur den Journalismus betrifft, sondern die das Zeug hat, an den Grundfesten der Gesellschaft zu rühren. Und diese Krise hat ironischer Weise auch wieder mit Fakten zu tun. War es damals mangelndes Faktenwissen in der Berichterstattung, die eine Einordung und Bewertung der Katastrophe von Tschernobyl erschwerte, wird heute einer allgemeine Krise des Faktischen konstatiert. Es schwindet der Konsens, dass die Aussagen und Ergebnisse der Wissenschaft, dass vernünftige Argumente bloß gefühlten Wahrheiten oder bloßen Behauptungen gegenüber überlegen sind.
Bedrohlich werden diese antiaufklärerischen Tendenzen dadurch, dass sie mit einer allgemeinen Medienkrise einher gehen - oder vielleicht ist ja die Erosion unseres klassischen Mediensystems gerade auch ein Grund oder zumindest Beschleuniger dieser Tendenzen.
Wie dem auch sei - die für die Demokratie ist das Zusammenfallen dieser beiden Tendenzen eine brisante Mischung. Bald wird ein Mann Präsident der USA sein, der unter Missachtung sämtlicher Aussagen der Wissenschaft den Klimawandel als chinesische Erfindung abtut und dessen Hauptinformationsquelle dubiose rechtspopulistische Webseiten wie Breitbart News sind, die demnächst Dependancen in Deutschland und Frankreich eröffnen. Brexit, AFD, Front national und Co: Es geht längst nicht mehr um ein paar populistisch-verirrte Köpfe, sondern um machtvolle Desinformationskampagnen, in denen um die Hoheit nicht nur über den Stammtischen, sondern über die Köpfe aller Menschen geführt wird.
Das rührt an die demokratischen Grundfeste unserer Gesellschaft.  Denn eine vitale Demokratie braucht funktionierende öffentliche Debattenräume, in denen mit guten Argumenten gerungen wird. Und gute Argumente sind die, die zwischen Tatsachen und Behauptungen, zwischen wahr und falsch unterscheiden können.

Aber – im Fatalismus zu enden wäre zum einen einer Geburtstagsfeier nicht angemessen – und es ist auch gar nicht nötig: Man muss und kann ja was tun. „Wissenschaft ist das organisierte Töten von Vorurteilen“ sagte der Bamberger Theologe Joachim Kügler kürzlich in der ZEIT – und das kann der Wissenschaftsjournalist sicher auch unterschreiben. Wissenschaftsjournalisten kämpfen seit jeher gegen Irratrionalismen aller Art  – Impfgegner, Klimaleugner, Wunderheiler, Kreationisten. Sie sind Profis im Kampf gegen Wahrheitsfeinde jeglicher Couleur. Wissenschaftsjournalismus ist praktizierte Aufklärung für breite Bevölkerungsschichten. Gründungsvorstand Jean Pütz hat die WPK mal eine „Mafia der Vernunft“ genannt, und das ist aktueller denn je. Es geht darum, dass die Stimme von  Vernunft und Evidenz Gehör behält bzw. wieder bekommt.
Es wäre Ausdruck einer ziemlichen Hybris zu glauben, dass die WPK das allein hinbekommt. Um einen gewissen „Impact“ zu bekommen, sind Allianzen wichtig zwischen allen „Freunden der Aufklärung“ – in Journalismus, Wissenschaft, Wirtschaft  und Politik. Wir glauben, mit der Initiierung des Science Media Center, dessen Mitgesellschafter die WPK ist, einen wichtigen Baustein geschaffen zu haben, der gezielt den Wissenschaftsjournalismus stärken soll. Denn der Journalismus ist und bleibt der Player, dem eine Schlüsselstellung in diesem Prozess einer „Gegen-Aufklärung“ zukommt.
Die WPK möchte künftig weitere Allianzen knüpfen helfen zwischen allen gesellschaftlichen Kräften, die an informierten öffentlichen Debatten interessiert sind. Konkret wollen wir unter dem Oberbegriff Science and Democracy eine Plattform bilden, die helfen soll, einen öffentlichen Debattenraum zu erhalten, in dem der Journalismus seine entscheidende Funktion behält.

Dass solche Allianzen grundsätzlich funktionieren und  einem unabhängigen Journalismus nicht schaden, sondern ihn stärken können, beweist die WPK seit fast 30 Jahren mit der Konstruktion seines Kuratoriums. Hier sind alle wichtigen Forschungsorganisationen und weitere Freunde der WPK in einem eigenen Verein zusammen gekommen mit dem Ziel, die WPK zu unterstützen.
Das tut das Kuratorium zum Beispiel auch dadurch,  dass es uns diesen heutigen Feiertag ermöglicht – Dafür meinen ganz herzlichen Dank!

Wie der journalistische Rahmen, in dem unsere Arbeit künftig stattfinden wird, aussieht, wird unsere Podiumsdiskussion gleich zeigen. Zunächst aber einmal freue ich mich sehr, Frau Ministerin, dass Sie heute mit uns feiern – und auf Ihr Grußwort.